Südafrika Teil II: Die Garden Route

Von Port Elizabeth nach Tsitsikamma-Village (185km)

Im On Glen Hotel fallen uns als erstes wieder die Mauern, Zäune und Alarmanlagen auf. Autos parken auch hier im Hof. Das ist sie wieder … die Abschirmung und Sicherung vor den Schwarzen! Bei diesem Temperatursturz um mindestens 10 Grad ziehen wir uns mal wieder warm an.

Mit zwei Autos fahren wir am nächsten Morgen im strömenden Regen in den Tsitsikamma-Nationalpark. Von weitem sind die beeindruckenden Bergketten schon bald zu sehen. Die Sonne lässt sich auch wieder blicken, als wir Tsitsikamma-Village erreichen. Ein überschaubares Nest mit einer Handvoll Restaurants. Unser Forest Nest liegt etwas versteckt in einem Wäldchen. Beim Buchen müssen wir uns wohl total verguckt haben, denn Rolf und ich beziehen ein Häuschen mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern, einer großen Küche mit Wohnraum und Garten, während Alex mit seiner Frau und den beiden Kinder in einem einzigen Zimmer übernachten.

Die Suspension-Bridge

Alex, Rolf, Luan und ich möchten an diesem sonnigen Nachmittag unbedingt zur Suspension-Bridge im Tsitsikamma-Nationalpark. Doch staunen wir am Gate Bauklötze, als wir pro Erwachsener 235 R/14,50€ und pro Kind 118R/7€ bezahlen sollen. Immerhin sind das 50€ für 2-3 Stunden im Park. Na, das fängt ja gut hier an! Nichtsdestotrotz fahren wir runter zur stürmigen Küste, ziehen schnell die Jacken an und laufen zur Mündung des Storms Rivers. Auf der Suspension Bridge haben wir einen grandiosen Blick in die Schlucht als auch auf den Indischen Ozean. Auf der anderen Seite klettern Luan und Alex auf den zerklüfteten Felsen herum, bis es langsam dunkel wird. 

An Alex Geburtstag wollen wir die 6 km Wasserfall-Tour an der Küste entlang laufen. Da Noomi noch nicht ganz fit ist, sind wir uns noch nicht ganz sicher, ob sie diesen Trail schaffen kann. Rolf bleibt wegen seines Hustens im Bett. Vorsichtshalber ziehe ich mal meine Wanderschuhe an und packe Wasser und Müsliriegel ein. 

Klettertour auf dem Waterfall Trail

Bei strahlenden Sonnenschein geht es die ersten paar hundert Meter durch den Wald und an der wilden Küste entlang. Stürmischer Wind und wuchtige Wellen treiben ihr raues Spiel und sind nicht zu überhören. Die Felsformationen an der Küste sind von den Wellen gezeichnet. Wie längs durchfurchte Gerippe ragen sie aus dem Wasser, spitz und kantig, rot-orange schimmernd gegen das Blau des Ozeans.

In bester Laune und frohen Mutes laufen und klettern die Kindern vorneweg, so dass wir Erwachsene Mühe haben, hinterher zu kommen. Eine Mutter mit zwei Jungs überholen uns. Doch dann endet der Weg in einem Meer aus riesigen Felsbrocken, die zur Orientierung mit gelben Pfeilen versehen sind. Klettern ist nicht unbedingt meine Stärke. Doch ich bemühe mich so gut ich kann. Ich balanciere über Felsen und Felsspalten, klettere hinunter und steil hoch. Hab den Eindruck, kaum voran zu kommen.

Wie lange wird das hier noch so gehen? Hören diese Felsbrocken auch noch mal auf? Die Kinder vorne haben sichtlich Spaß. Nach und nach ziehe ich Kleidung aus, denn ich schwitze vor Anstrengung und Angst. Das ist hier keine lustige Wanderung mehr. Wer hier stürzt, der kann einpacken bzw. ins Krankenhaus geflogen werden. Eine Verletzung an den spitzen Felsen scheint zum Greifen nah. Jeder Schritt muss gut gewählt sein. Ich brauche beide Hände zum Festhalten, ziehe mich mit aller Kraft hoch und runter. Der Rucksack wird logischerweise immer schwerer.

Da Alex und Romina mit den Kindern beschäftigt sind, muss ich alleine balancieren, was mir mächtig Angst einjagt. Wie sehr mir Rolfs Hand fehlt! Ich will ja hier nicht die nörgelige Oma abgeben, also beiße ich mich dadurch.Wir müssen das Ganze ja auch noch wieder zurück.

Wie furchtbar! Wie soll ich das hier nur schaffen … bloß nicht hinfallen, dann haben die anderen noch mehr Stress … ich konzentriere mich auf die nächsten Schritte, rutsche zum Teil auf dem Po die Felsen herunter … klettere sehr steil nach oben, balanciere auf wackeligen Steinen. Mein Magen knurrt, meine Kräfte lassen nach.

Erst spät machen wir eine Pause. Bananen und Wasser tun gut. Soll ich abbrechen? So 20 min vor dem Ziel? Hier alleine warten? Doch dann nach der Stärkung möchte ich es doch schaffen und die Pintos nicht alleine gehen lassen. Wie würde ich denn auch als Omi dastehen?  Wanderer, die uns entgegenkommen, fragen wir nach der Beschaffenheit der Strecke. Weitere Felsen? Es soll besser werden, sagen sie. Nach fast 2,5 Stunden erreichen wir tatsächlich den Wasserfall. Glücklich und erschöpft setzen wir uns auf die kantigen Felsen mit Blick auf den Wasserfall und das natürliche Becken zwischen den Felsen.

Luan und Noomi haben diese Klettertour so wunderbar geschafft. Wir hoffen, dass sie den Rückweg genauso gut bewältigen. Doch dann passiert es doch. Wir hören einen Schrei, dann Weinen. Luan ist über einen Stein gestürzt. Zum Glück ist er nicht mit dem Kopf angeschlagen. Es ist ein Schock! Nur eine Schürfwunde am Knie. Wir trösten ihn und bald läuft er schon weiter.

Das große Felsenfeld umgehen wir über eine Höhenweg, müssen diesen aber auch wieder steil bergab an einer Felswand hinunter klettern, indem wir uns an den Wurzeln festhalten und uns gegenseitig stützen. Was für eine Überwindung! Alex trägt Noomi mittlerweile auf den Schultern, denn sie ist nun auch erschöpft. Was für eine Anstrengung für Alex.  Nun wissen wir, dass wir es bald geschafft haben, denn die letzten 30 Minuten bis zum Parkplatz brechen an. Stolz und erschöpft genießen wir den traumhaften Ausblick von der Bank auf diese wilde Küstenlandschaft. 

Geschafft …!

Von Tsitsikamma-Village über Nature’s Valley nach Plettenberg Bay (80km)

Bei strahlendem Sonnenschein durch die Tsitsikamma Berge biegen wir am Nature’s Valley ab. In diesem verschlafenen Örtchen das mehr einem holländischen Stranddorf gleicht, essen wir in dem einzigen Imbiss Sandwich mit Fritten, gehen durch die Dünen an den weiten Strand, der sich lang erstreckt. Einige Angler versuchen ihr Glück im kalten Wasser stehend. Heftiger Wind weht uns durcheinander, während die Wellen mit aller Wucht gegen die Küste donnern. Zurück an der der Lagune, in der es beschaulicher, da windstill zugeht, tummeln sich Familien am feinen Sandstrand. Vier mutige Schwimmer schwimmen sogar im sehr kalten Wasser des Flusses.

Nature’s Valley

Gegen 14 Uhr erreichen wir nach etwas Suchen die schicke Villa in Plettenberg, wo uns die (schwarze) Haushälterin freundlich in Empfang nimmt. Sie erklärt alle Codes, Passwörter und natürlich die Alarmanlage wie für einen Hochsicherheitstrakt. Umgeben von einer Mauer und gekrönt mit einem Elektrozaun, leben die Menschen hier in ihren exklusiven Villen. Niemand sitzt vor dem Haus auf einer Bank, niemand grüßt die Nachbarn, niemand spielt mit Kindern. Die Angst vor schwarzer Kriminalität ist groß. 

Von den sechs Schlafzimmern suchen wir uns eins in der 1. Etage aus. Jedes Zimmer hat ein eigenes großes Bad mit allem Pipapo. Wie eine andere Welt, besonders nach zwei Monaten in Indien … Kulturschock mal andersherum. Alles ist extrem … extrem sauber, extrem groß, extrem luxuriös. In Südafrika gibt es extrem Reiche, die ihren Wohlstand auf Kosten der extrem Armen erreicht haben. Fürchterlich!  Wir mögen uns hier nicht wie die Made im Speck fühlen! Wie konnten nur 5 Millionen Weiße 50 Millionen Schwarze unterdrücken? Das werden wir noch herausfinden! 

Wie erfreuen uns am selber kochen, kaufen ein und grillen. Bei Guacamole und Tzatziki,  Salat und Ofenkartoffeln schmeckt es wie zu Hause. Angesichts des kühlen Regenwetters spielen und lachen wir abends bei Varianten von Stadt, Land, Fluß und Activity. 

Von Plettenberg Bay über Swellendam (303 km) nach Hermanus (145 km) und nach Kapstadt

Die Haushälterin freut sich sichtlich über die Lebensmittel und das Essen, das wir übrig haben. Da mich nun auch der Husten erwischt hat, kann ich über Swellendam nicht viel berichten. Es ist weiterhin kühl und regnerisch. Mit  Schüttelfrost und erhöhter Temperatur auf der Autofahrt möchte ich mich nur noch ins Bett legen.

In Swellendam angekommen ist mein erster Weg auch genau dorthin. Sogar mit Heizdecke! Dort kuriere ich mich bis zum nächsten Morgen aus. Der zuvorkommende Gastgeber bedient die kleinbürgerlichen Gäste in dem gemütlichen Speiseraum hier nach Herzenslust. Gestärkt und gesund fahren wir die Strecke über Stormsvlei nach Hermanus, der beliebte Ort an der Walker Bay, um Wale zu beobachten. Nirgendwo sonst kann man die Wale so nahe an der Küste beobachten.

Im windigen Hermanus beziehen wir ein zweckmäßig und kühl eingerichtetes Apartment mit drei Schlafzimmern. Praktisch, dass es quasi mitten in einem Einkaufszentrum liegt, denn so können wir einkaufen ohne hinaus gehen zu müssen. Während Alex, Romina, Luan und Noomi auf ihrem stürmischen Spaziergang am alten Hafen das Glück haben, Wale zu sehen, bleibt dies uns später verwehrt. Der Wind bläst uns so sehr um die Ohren, dass ich es eh nicht lange aushalte und wir zurückgehen. 

Der strömende Regen am nächsten Morgen taucht die Berge in eine graue Nebelwand. Die Wettervorhersage verspricht bald Besserung. Unvorstellbar! Doch nach zwei Stunden löst sich tatsächlich alles auf, die Sonne setzt sich langsam durch und der Nebel zieht sich gespenstisch von der Küste Richtung Berge zurück. Nun können wir auch noch mal einen Versuch starten.

Am alten Hafen angekommen sehen wir schon die ersten Fontänen der Wale. Unglaublich! Riesige graue Kolosse tauchen mit ihrem Rücken auf. Fasziniert bleiben wir mit den Kindern stehen und schauen diesem Spektakel zu. „Da, da … ist wieder einer“, ertönt es immer wieder. Dazu wirken die abziehenden Wolken vor der Bergkulisse spektakulär. Alex versucht mit der Drohne die Wale „einzufangen“. 

Das Franschhoek-Tal

Bevor wir nach Kapstadt reinfahren, wollen wir einen kleinen Umweg über das Weingut Boschendahl machen, das 1685 als eines der ersten Güter im Franschhoek-Tal gegründet wurde. Das Besondere an diesem Weingut ist die biologische Ausrichtung, denn getreu dem Motto „Gesunder Boden, gesunde Trauben, bester Wein“ werden die Reben, die Fruchtbäume, die Kräuter und Gemüse biologisch behandelt. Alles kommt möglichst frisch auf den Tisch, was wir deutlich schmecken, als wir im Schatten der Bäume Wein und Leckereien probieren. Auch die Anlage mit ihren kapholländischen Herrenhäusern, dem ästhetisch angelegten Garten und die historischen Häuser sind bezaubernd schön. 

Im Hinterland der Garden-Route

Ich frage mich, wem diese unglaublich großen und luxuriösen Weingüter gehören und recherchiere. Ich sehe jede Menge schwarze Mitarbeiter, die die Gäste bedienen, die im Garten und an den Reben hart arbeiten. Doch die Produktion und der Besitz sind zum größten Teil in der Hand der Weißen. Von den ca. 4600 Weinfarmen sind nur etwa 30 im Besitz von schwarzen Farmern. Pioniere, die etwas gewagt haben. Die einfachen Steinhäuser am Rande der Weingüter sind für die Angestellten. 

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert die teilweise katastrophalen Bedingungen für die Farmarbeiter, vom Einsatz gesundheitsschädlicher Pestizide, unwürdige Unterkünfte, Hungerlöhne und die Bezahlung eines Teil des Gehalts in Weinrationen – was schon seit Zeiten der Apartheid verboten ist. Mehr dazu auf der Webseite von Human Rights Watch …

Feedback zur Garden-Route

Den außerordentlichen Hype um diese Garden-Route auf unzähligen Reiseblogs und in Reiseführer kann keiner von uns wirklich nachvollziehen. Dass das Wetter zu dieser Zeit etwas grau, nass und regnerisch war, hat sicherlich dazu beigetragen. Darüberhinaus stört es uns massiv, wirklich an jeden Naturreservat einen hohen Eintritt zu bezahlen. Wandern, Kanufahren, Mountainbiken und alle anderen Outdoor-Abenteuer müssen dadurch teuer bezahlt werden – wir sind gerne bereit, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen, aber eben angemessen. Die Autobahn auf dieser Strecke ist zwar gut ausgebaut, ist dennoch nicht das, was wir uns von einer traumhaften schönen Route versprechen. Es langweilt auch, ständig geradeaus zu fahren. 

Die luxuriösen und teuren Unterkünfte, das biedere Publikum, teure Restaurants, Villenviertel neben Townships und die Schwarzafrikaner, die trampend an der Autobahn stehen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, um von A nach B zu kommen usw. , das alles hinterlässt bei uns einen schalen Beigeschmack. 

Im dritten und letzten Blogbeitrag werden wir uns mit Kapstadt und der Wein-Route beschäftigen …

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