Zum dritten Mal nacheinander mache ich mich Ende April nach Bassano del Grappa auf. Nicht zum Genießen des lokalen Getränkeangebotes – obwohl, ein Hauch von „Dolce Vita“ soll schon dabei sein. Ich möchte ein weiteres Mal am Veneto Gravel, einem sogenannten „Unsupported Bicycle Adventure“ teilnehmen. Mit anderen Worten: Mit’m Rädchen durch Venetien, mit Schlafsack und Jedöns, „Bella Italia“ und „Dolce Vita“ genießen, eine „Bella Figura“ abgeben, und heil am Ziel ankommen – aber es ist kein Rennen, nur ein „Adventure“, dass zu bewältigen ist.
Max (unser Camper) ist bestückt, der Campingplatz in Bassano reserviert und die 920 Kilometer bis dahin kein Problem. Ich fahre gerne ein paar Tage früher zum Startbeginn, um vorher ein paar Tage das italienische Lebensgefühl zu genießen und bleibe anschließend auch gerne noch ein paar Tage dort und sonne mich in dem Glücksgefühl, das Ganze (eventuell) geschafft zu haben.
Nachdem ich bei der ersten Teilnahme den Rundkurs zum Gardasee bewältigt habe, im letzten Jahr zwar vor Ort war, aber wegen des Wetters nicht teilgenommen habe, möchte ich in diesem Jahr den Rundkurs ans Meer nach Venedig in Angriff nehmen. Es gibt insgesamt vier unterschiedliche Varianten, an denen man teilnehmen kann. Die kurze rund um Bassano (200 km), die beiden zum Gardasee und Venedig (jeweils ca. 400 km) und die Gesamtstrecke von 700 km. Letztere traue ich mir nicht mehr zu.
Ein paar Impressionen aus 2023




Neben mir haben sich noch über 1500 weitere Bikepacker zum Event angemeldet. Da sich der Start über den ganzen Tag verteilt, ist das Ganze doch ziemlich entspannt und für mich noch mehr … Ich werde erst am nächsten Tag in die Pedale treten – ist ja schließlich kein Rennen und so ein bisschen „Weichei“ erlaube ich mir. Ankommen zählt! Ich registriere mich, nehme bei Starterkit entgegen, sehe zu, wie die übrigen Teilnehmer sich mit ihrer Regenklamotten eindecken und radele entspannt im strömenden Regen zu meiner Homebase, unserem Max, zurück. Bin zufrieden mit meiner Entscheidung, die aber, wie sich später herausstellen sollte, nicht perfekt …
Am nächsten Tag scheint die Sonne und ich starte in mein „unsupported adventure“. Mein erstes Etappenziel ist Treviso. Da waren Eve und ich schon mal bei unseren ersten Alpenüberquerung auf der Via Claudia Augusta auf dem Wege nach Venedig – eine schöne Erinnerung.

Es rollt schön. Bis nach ca. 30 Kilometer eine Überraschung wartet. Die über 1000 Teilnehmer, die bereits gestern im strömenden Regen gestartet sind, haben mir eine tiefe Schlammpiste hinterlassen – ist ja schließlich auch eine Gravelstrecke und keine ausgebaute Fahrradautobahn.
Der Trail ist bis an die Ränder ausgefahren, also auch nix mit Schieben. Ich vertraue meinem Gleichgewichtsgefühl, den breiten Reifen und dem Gefühl „wird schon gutgehen“ … Einige hundert Meter geht’s auch gut, dann wird das Treten immer schwerer und dann passierts. Ich rutsche weg und gaaaanz langsam holt mich die Schwerkraft ein. Aus den Klick-Pedalen komme ich nicht mehr und … platsch. Ich liege im Matsch. Mühsam richte ich mich auf. Ich stehe 20 Zentimeter tief im Morast. Meine ganze rechte Seite ist ein Matschklumpen, das Rad ebenfalls. Mühselig schiebe ich mich über den Trail und denke „Das war`s“ …

Aber dann die Rettung. Genau am Ende dieses vermaledeiten Streckenabschnittes hantiert gerade ein Mann mit seinem Wasserschlauch im Garten – Guiseppe, meine Rettung. Er sieht mein Dilemma, und mit einem Lächeln und meinem Einverständnis richtet er den Schlauch auf mich und anschließend auf’s Rädchen. Es ist eine längere Prozedur, aber schließlich strahle ich, zwar triefend nass, vor Glück. Die Sonne scheint, es ist warm, der Fahrtwind wird mich schon trocknen.
Leider habe ich davon keine Fotos. War wohl zu sehr mit anderen Aufgaben beschäftig. Guiseppe lädt mich noch zum Essen ein. Die Leckereien brutzeln zwar schon auf dem Grill, aber ich muss weiter. Wir verabschieden uns herzlich, dann mach ich mich auf zum Trocknen.
Der erste Tag Richtung Meer hat ansonsten keine große Herausforderungen. Es geht flach vorbei an Treviso, sodass die geplanten 100 Kilometer machbar sind, aber mich doch fordern. Ich finde einen Campingplatz, baue mein Zelt auf, entferne die letzten Spuren meiner Schlammschlacht und genehmige mir eine Pizza – köstlich.





Früh am nächsten Tage mache ich mich wieder auf. Zur nächsten Bar für den obligatorischen Cappuccino ist es nicht weit – hach, wie ich das liebe.

Zum Meer ist es nicht mehr weit. Es geht Richtung Jesolo und entlang des Sile. Irgendwann sehe ich das Meer und in Gedanken sitze ich schon vor meinen Spaghetti Vongole, die ihren Ursprung hier haben. In Caorle, ab da geht’s langsam Richtung Berge, nutze ich die Gelegenheit dazu. Hier sogar in der Variante mit Bottarga. Den Wein dazu spare ich mir, habe noch ein paar Kilometer vor mir. In Oderzo baue ich mir im Nirgendwo mein Zelt auf.





Der Beitrag über die beiden Etappen in die Berge und vorbei am Lago di Santa Croce über Belluno zurück nach Bassano del Grappa folgen …
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