Archiv für den Monat: April 2019

Auroville – ein alternatives Lebensmodell und mehr als ein Dorf für Hippies und Freigeister

Auroville möchte eine universelle Stadt sein, in der Männer und Frauen aller Länder in Frieden und fortschreitender Harmonie leben können, jenseits aller Bekenntnisse, politischer Überzeugung und nationaler Herkunft. Aurovilles Aufgabe besteht darin, die wahre menschliche Einheit zu verwirklichen.

Mira Alfassa, Gründerin Aurovilles

Im Netz kursieren die wildesten Vorurteile von Sekte bis Kommune, in der die Halbnackten mit Blumenketten auf Gitarren klimpern. Denn neugierig wie wir sind, wollen wir uns selbst ein Bild von der sogenannten Stadt der Zukunftmachen. Rolf und ich sind weder esoterisch noch religiös, dafür offen für Neues. Immerhin haben wir acht Tage Zeit für Auroville. Bei meiner Schwester, Saskia,  die bereits zweimal in Auroville war, sind wir in guten Händen, denn sie weiß wie und wo wir beginnen können. 

Als erstes organisieren wir uns eine schöne Unterkunft am nicht so schönen Strand. Hauptsache Wind, denn es ist weiterhin heiß und feucht. Strände in Tamil Nadu laden weniger zum Verweilen ein, da sie erstens von Fischern und deren Booten und zweitens von der lokalen Bevölkerung als Toilette und Müllplatz genutzt werden. Mit unserem Taxifahrern durchforsten wir die Unterkünfte am Meer. Obwohl das Samarpan Guesthouse mit 3000 IR (39€) etwas über unserem Budget liegt, überwiegen die Vorteile so schwer, dass wir bleiben. 

Auch wenn es unser Budget sprengt – wir lassen es uns gut gehen …

Der italienische Besitzer hat hier eine für diese Gegend schön gestaltete mediterrane Anlage mit einem gepflegten Garten und Pool geschaffen. Um in das ca. 5 km entfernte und weitläufige Auroville zu kommen, leihen wir uns für die nächsten Tage vier Roller. Weil Auroville bargeldlos funktioniert, braucht auch jeder eine Auro-Card, die man im Guesthouse gegen eine Kaution von 500 IR bekommt. Diese müssen nur noch in Auroville  aufgeladen werden. Komisch oder? Bargeldloses Auroville und dennoch eine Geldkarte! Also jetzt aber endlich los. Helme auf die schwitzigen Köpfe und los geht’s. Vier Scooter hintereinander auf staubigen und buckligen Wegen in Richtung Hauptstraße, die mit ihrem tosenden und chaotische Verkehrsgewühle auf unsere erste Überquerung wartet. Denn gegenüber führt die Straße direkt nach Auroville. Wie sollen wir nur zu Viert hier rüberkommen? Schweiß rinnt unter dem Helm hervor. Ich schaue rechts, links, rechts links… jetzt rüber… ach nein… das reicht nicht… puh, wie anstrengend ist das denn! Rolf ist da durchsetzungsfähiger … 

Die eigentlichen Könige der Straße, die viel zu schnellen Busse und LKWs, lassen wir vorbeiziehen. Jede noch so kleine Lücke bietet einem von uns die Chance rüberzufahren. Endlich drüben, geht’s weiter voran immer schön im Fahrtwind kühlen. Das tut gut. 

Das Finanzcenter zu finden stellt sich uns als nächste Aufgabe. Keine Schilder, dafür kopfwackelnde Inder, die niemals zugeben würden, dass sie den Weg auch nicht wissen. Meine Schwester, die mit Mama Google nicht so eng verbunden ist, fährt nach Gefühl vorneweg. Komisch, sie kann sich doch nicht mehr so genau erinnern, wie gedacht. So wenden wir das ein oder andere Mal. Rolf schüttelt genervt den Kopf. „Eve, mach du die Navigation!“, höre ich ihn hinter mir. Während wir mit unseren Rollern über staubige, rote Pisten cruisen, begegnen und überholen uns permanent grauhaarige westliche Frauen wie Männer zwischen 50 und 70 Jahren. Sie scheinen zu den Pionieren von Auroville zu gehören, die hier vor 50 Jahren auf trockener roter Erde die ersten Bäume gepflanzt haben. Bis auf die German Bakery, die Pizzeria Tanto, das Café Bread &Chocolate und einigen Europäern auf E-Bikes sieht alles so aus wie sonst, nur mit weniger Müll. An der Rechtskurve hilft uns zur Orientierung der Shiva-Tempel mit ohrenbetäubender Musik. Nach dem Dorf Kuillapalayam säumen Bäume die Straßen wie eine Allee. Es wird immer grüner und dichter, die Luft immer frischer. Der Wind kühlt uns etwas ab. Der Verkehr ist bis auf ein paar gelbe Schulbusse und Lastwagen eher ruhig, so dass das Scooter fahren entspannt ist.

Unser Hunger treibt uns über rote Schotterpisten zur größten Gemeinschaftskantine von Auroville, Solar Kitchen.Hier stärken wir uns nach dem Aufladen der Karten mit gesundem Bio-Essen. Natürlich vegetarisch, natürlich leise – manche Tische sind mit einem Silence-Schild ausgestattet, natürlich selbst spülen. Rolf stochert etwas in seinem Gemüse herum. Es schmeckt ihm bedingt. Täglich werden hier über 1000 Mahlzeiten für die Schulen und andere Kantinen in Auroville vorbereitet. 

Im Visitor Center informieren wir uns anhand der Ausstellung und eines fortlaufenden Films über die Geschichte und die Philosophie Aurovilles. Uns wird klar, dass du viel Zeit und Mühe brauchst, um Auroville wirklich kennen zu lernen, sich das Konzept, die Idee, die Angebote und Möglichkeiten zu erarbeiten. 

Das kulturelle Angebot ist so vielfältig, dass es uns fast überfordert. Dutzende Workshops in den unterschiedlichsten Yoga-Stilen, Meditation, Ayurveda, Massagen, Feldenkrais, Hypnose, Kunst, Kino, Gärtnern, Astrologie, Om Chor, Fitness, Coaching, Tanzen, Sound-Baden oder ein Sound-Garten, Akupunktur, Capoeira, Kampfsport, Pranayama und einige Angebote zum Thema Alternative Energien und ökologische Landwirtschaft. Entweder suchst du auf der Homepage oder blätterst in dem Ordner im Visitor Center. Wegen der Hitze finden die meisten Veranstaltungen früh morgens oder am späten Nachmittag statt. 

Sound-Baden

Wir probieren das Sound-Badenan einem Abend. In der Mitte eines großen schönen Raumes liegen unzählige Musik- und Klanginstrumente. Matten mit Kissen liegen im Kreis bereit. Leise treten ca. 40-50 Interessierte ein und suchen sich ein Plätzchen. Während wir mit geschlossenen Augen auf den Matten liegen, lauschen wir den Klängen, die aus unterschiedlichen Richtungen kommend, eine Geschichte erzählen. Laut und leise, hell und dunkel, tief und hoch, wie Vögel, wie Gewitter, wie Frühling, wie Abend … Eine Stunde Klanggeschichte, eine Stunde verzaubern lassen vom Genusshören. 

Watsu – Wasser – Shiatsu

Was ist wohl Watsu, frage ich meine Schwester, als sie mir vorschlägt, einen Termin dafür zu vereinbaren.. Begeistert erzählt sie mir von ihren Erlebnissen, als sie das letzte Mal hier war. Na dann ist das auch etwas für mich. Das sollte ich mir doch nicht entgehen lassen. Im Internet lese ich, dass Watsu auf den Lehren des Zen-Shiatsu beruht. Die physikalischen Eigenschaften des Wassers werden dazu genutzt, den durch den statischen Auftrieb von der Schwerkraft entlasteten Körper passiv zu dehnen und zu strecken.  

Unsere Männer zeigen weniger Interesse an Watsu, folglich fahren wir ins Quiet-Healingcenter.  Watsu ist ziemlich gefragt. Doch an unserem letzten Tag in Auroville sollen wir doch noch in den Genuss dieser außergewöhnlichen Erfahrung kommen. Mit Schwimmsachen bepackt stehen wir um 12 Uhr auf der Matte. Vor der Therapie bekommt jeder von uns ein ausführliches Briefing von seinem Therapeuten über die bevorstehende Behandlung, z.B. welches Zeichen er uns gibt, wenn er uns ganz untertaucht. Zu diesem Zweck hat er eine Nasenklammer dabei, die er uns später in die Hand drückt. 

In 35 Grad warmen Wasser bekomme ich mit Auftriebskörpern an den Fußgelenken ein erstes Gefühl dafür, dass meine Füße nach oben wollen. Mein Therapeut, Pascal, steht im brusttiefen Wasser und hält mich unter den Armen fest. Ich soll die Augen schließen und nichts tun. Er bringt mich in die Rückenlage und trägt mich mich durch das Wasser. Indem er meine Beine anwinkelt, mich zur Seite dreht, die Arme nach oben und hinten durch zieht, dehnt er meine Beine, meine Taille, meine Arme, den Rücken, den Hals … alles ganz langsam. Ich selbst darf nichts aktives tun. Ich verlasse mich komplett auf ihn. Er zieht mich durch das Wasser, wobei ich die Strömung des Wassers spüre. Das Wasser streichelt meine Haut großflächig. Hui, ist das ein berauschendes Gefühl! Unter Wasser erklingt sanfte Musik. Ein vorgeburtliches Gefühl macht sich breit, als er mich in die Babystellung bringt und festhält. Die Beine über seinem Arm, mein Kopf an seiner Brust umschließt er mit dem anderen Arm meinen Oberkörper, zieht mich sanft durch das Wasser. So muss es im Mutterleib gewesen sein. Wow … wie wunderbar! Noch nie habe ich mich so geborgen gefühlt.Als er mir das Zeichen zum Untertauchen gibt, befestige ich die Nasenklammer. Ich hole tief Luft, er drückt mich tiefer nach unten, dreht mich zur Seite, zieht mich an einem Arm und einem Bein durch das Wasser und holt mich auch wieder nach oben. Ich atme aus… wow… so dunkel da unten, so ruhig und schwerelos… vielleicht fühlt sich so der Tod an… gar nicht so übel… das kann ja noch ganz nett werden.Immer wieder taucht er mich in verschiedenen Positionen unter, nie zu lange, nie unangenehm. Ich vertraue ihm total. Wie ein Wal gleite ich schwerelos dahin, tauche mal auf, um dann wieder im Dunkeln zu verschwinden. Nach einer Stunde entspanntes Dahingleiten in Schwerelosigkeit, komme ich mir beim Hinausgehen wie ein tonnenschwerer Elefant vor. Was für ein grandioses Erlebnis!  

Kleine Entstehungsgeschichte von Auroville 

Die Französin, Mira Alfassa, auch The Mother genannt, kam 1914 nach Pondicherry. Sie verwirklichte Sri Aurobindos Gesellschaftstheorie einer universellen Stadt. Sri Aurobindo (1872-1950), der von seiner Familie mit sieben Jahren nach England geschickt und dort in Englisch, Latein und Griechisch, in Geschichte, Geographie, Arithmetik und Französisch ausgebildet wurde, setzte sich nach seiner Rückkehr mit alternativen Lebensformen auseinander. Er forderte die vollständige Unabhängigkeit Indiens. Während er sich politisch weiter engagierte, wandte er sich verstärkt dem Studium der indischen Yoga-Lehren und Übungen zu. Sri Aurobindo, der Freiheitskämpfer, Poet und Guru entwickelte eine neue Lebensform, die er selbst als Integrales Yoga bezeichnete – Integral = umfassend; Yoga = Bewusstseinsentwicklung im Sinne einer modernen, zukunftsweisenden, umfassenden Bewusstseinsentwicklung. In Pondicherry gründete er einen Ashram, dessen verantwortliche Leitung er Mirra Alfassa, die er mit der Göttlichen Mutter identifizierte, vollständig übertrug, um sich zurückzuziehen. The Mother, Mira Alfassa setzte die Theorien des Philosophen Sri Aurobindo um. Sie war seine rechte Hand. Sri Aurobindo lebte bis zu seinem Tod 1950 zurückgezogen in seinem Haus und verfasste seine Philosophie in Büchern und Schriften. Bemerkenswert ist, dass die Beiden die Unterstützung vom indischen Staat und einer UNESCO Resolution bei der Umsetzung bekommen haben. Das war der Startschuss für das Projekt Auroville, die Stadt der Morgenröte. 

Auf dem Weg nach Auroville wird deutlich, dass Auroville keine dicht besiedelte Stadt ist, sondern aus über 100 Communities, die weit verstreut und zum Teil versteckt in den Wäldern liegen, besteht. Diese Wälder und Felder sind das Resultat unermüdlicher Pflanz-und Farmarbeiter, der ersten Pioniere vor 50 Jahren, denn das gesamte Land war abgeholzt, trocken, karg und rissig. Der Wind wehte vom Meer die braune Erde in die Gesichter der Pioniere. Dieser Wald ist heute die grüne Lunge, die für reichlich Sauerstoff und kühle Luft in dieser tropischen Hitze sorgt. Manche Communities zeichnen sich durch futuristische Architektur, andere durch einfache Hütten aus Holz oder einfachen mehrstöckigen Häusern. Die Communities verfolgen unterschiedliche Lebensmodelle und Schwerpunkte wie z.B. Kunstprodukte, Musik, Ökologischer Anbau etc. Jeder kann sich seine passende Community suchen und dort leben. Eigentum gibt es nicht. Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung gibt es dagegen zu Genüge. Das Sport-und Kulturangebot für die Aurovillianer und deren Kinder ist immens und kostenlos. Das beeindruckt uns sehr! Neben einem schönen Schwimmbad, in dem Eltern beim Babyschwimmen ihre Kleinsten ans Wasser gewöhnen,  befinden sich Tennisplätze und ein überdachter Basketballplatz. 

Auroville ist kein Ponyhof, kein Bildungsurlaub, keine Hippie-Kommune und keine Sekte. Auroville ist ein alternativer Lebensentwurf zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen internationaler Gemeinschaft und Individualität. Ohne Bürgermeister, Politiker, Autoritäten und Religion leben hier fast 3000 Aurovillianer in einer spirituellen und ökologisch-bewussten Gemeinschaft.

Auroville – ein Raum zum Experimentieren

Dass Auroville ein guter Ort zum Leben ist, ist uns nach den ersten Tagen bereits deutlich geworden. Ohne Polizei und Kriminalität, ohne Neid und Konkurrenz lebt man hier friedlich zusammen. Allein das kostenlose Kultur-und Sportangebot, das gesunde und frische Essen aus ökologischen Anbau, die E-Bike und E-Busse, die kostenlosen Kindergärten und Schulen, die Idee der Nachhaltigkeit usw. machen das Leben hier lebenswert. Die experimentierfreudigen Aurovillianer entwickeln alternative Energien (Biogas-, Solar- und Windenergie) und Ideen für ein nachhaltiges Leben. Sie betreiben ihre Landwirtschaft ökologisch. Sie backen Pizza oder Kuchen, stellen Mozzarella und anderen Käse her. Die Produkte, die in Auroville produziert werden, können nicht nur in Auroville, sondern auch in den umliegenden Supermärkten gekauft werden. Eingekauft wird hier übrigens unverpackt. Ganz modern und selbstverständlich! Jeder bringt sich für das Gemeinwohl mit ein, ganz im Sinne der Gründer.

Aurovillianer können ohne einengende Normen und Verbote ihre vielfältigen kreativen Fähigkeiten überall einbringen. Vieles ist möglich … einfach mal anfangen! Auroville ist ein Projekt, in dem ständig  Neues ausprobiert wird, ein Prozess, dessen Ende offen ist. Dazu gehören Fehler, Scheitern, Frustrationen und Neubeginn. Diese positiven Fehlerkultur, an der es in Deutschland mangelt, ist der Motor für Fortschritt und Kreativität. Auroville wird auch als Stadt der Zukunft bezeichnet, als Vision einer neuen Welt, in der neue Lebenskonzepte erforscht und erprobt werden. Besuchergruppen aus der ganzen Welt, Studenten der Architektur, der Agrarwissenschaft, der Pädagogik usw. besuchen und lernen in Auroville.  

Viele, wie beispielsweise unser Guide, nehmen in Chennai ein Studium auf und kehren anschließend wieder zurück nach Auroville, um hier zu arbeiten. Ein Leben außerhalb von Auroville scheint unvorstellbar. Apropos Arbeit… in Auroville arbeitet man maximal 5-6 Stunden pro Tag. Was jeder arbeitet, mit welchen Ressourcen er sich einbringt, entscheidet jeder Aurovillianer für sich. Jeder erhält ein Grundeinkommen von ca. 150€, wovon er die Hälfte in Auroville ausgeben muss. Eigentum und Besitz gibt es nicht. Wenn jemand hier ein Haus gebaut und viel Geld investiert hat, hat er zwar ein Wohnrecht, aber kein Eigentum. Manche der selbstständigen Aurovillianer, die beispielsweise Restaurants, Geschäfte, Gästehäuser betreiben, müssen 30% ihrer Einnahmen abgeben. Die Idee eines geldlosen Systems konnte noch nicht in Gänze umgesetzt werden, da Dienstleistungen von außen notwendig sind. Geld kommt schon alleine dadurch in Umlauf, dass jeder Novize sich hier selbst finanzieren muss. 

Matrimandir – das spirituelle Zentrum

Unser Guide, Mister B aus Amerika, der eigentlich Bill heißt, aber das „ill“ irgendwann gestrichen hat, zeigt uns das spirituelle Herz Aurovilles, das Matrimandir, das Meditationszentrum, das von einem stilvoll angelegten Garten in Form einer Galaxie umringt ist. Wiesen, Wege, Beete, Büsche und Wasserläufe sind geometrisch angeordnet. Der Prozess muss Jahrzehnte gedauert haben. Diese goldene Kugel löst unterschiedliche Assoziationen aus … wie ein UFO… wie ein goldenes Ei… thront sie etwas erhoben über diesen grünen Garten. 

Matrimandir – das spirituelle Zentrum von Auroville

Im Inneren erfahren wir mit weißen Socken bestückt, welche Ideen Mira Alfassa mit dem Bau dieser Kuppel umsetzen wollte. Wir wandeln einen spiralförmigen Weg nach oben. Ganz still und leise schreiten wir in dieser Menschenkette andächtig nach oben mit Blick auf den Lichtstrahl aus der Decke, der schnurgerade abwärts strahlt. Oben angekommen wird es kühler. Wir betreten etwas aufgeregt den weißen Meditationsraum. Wir staunen, wie groß und rund er ist. Alles ist weiß, selbst die Meditationskissen auf dem Boden. In der Mitte fesselt eine Glaskugel, die auf einem goldenen Ständer ruht, direkt unsere Aufmerksamkeit, denn das Sonnenlicht, das durch drei Spiegel gebündelt wird, durchdringt aus einer Öffnung in der Decke wie ein Laserstrahl die Glaskugel. Leise nehmen alle nach und nach Platz und versinken in Meditation. Mit Blick auf die durchsichtige Kristallkugel, in der sich das Sonnenlicht und die Wolken von oben spiegeln, meditieren wir ca. 20 Minuten. Wir fühlen uns so klein, angesichts dieses Universums um uns. Dieser weiße runde Raum mit einem Kreis aus zwölf weißen Säulen, die einfach so in die Luft ragen ohne etwas zu tragen, berührt und bewegt. Keine Frage. 

Ein plötzlich auftauchender greller Lichtstrahl, das Zeichen für das Ende der Mediation. Schweigend stehen alle auf und laufen die Spirale wieder andächtig hinunter. Draußen in der Sonne sehen wir, dass das Matrimandir von zwölf Meditiationsräumen umgeben ist, die wie Blütenblätter die Kugel umschließen. Diese runden Räume dienen ebenso der Meditation. Hinter dem Matrimandir in dem Amphitheater, in dem vor einigen Wochen die große Feier zum 50jährigen Jubiläum stattgefunden hat, befindet sich die steinerne Lotusblume, in dessen Inneren haben die ersten Pioniere eine Handvoll Erde aus über 120 Ländern gestreut. In dem Park befindet sich ein riesiger uralter Banyanbaum mit Luftwurzeln, die ihn in der Breite tragen. Ein einziger dicker Stamm und viele Dünnere bilden ein kleines Wäldchen. Wie lange Arme bilden sie eine Art Schirm. Die Äste bilden, wenn sie immer länger werden, diese Luftwurzeln und bilden dadurch eine neuen Stamm. Ein wunderbarer schattiger Platz in diesem Garten. Dieser Baum dient unter anderem als Metapher für die Lehren der Begründer.

Aurovilles Kindergärten, Schulen und weitere Projekte

 Selbstverständlich möchte ich als Berufsschullehrerin, die ErzieherInnen ausbildet, auch einen Kindergarten besuchen. Das dies den Rahmen hier sprengen würde, habe ich meine Erlebnisse dort in einem separaten Blogpost neben einigen weiteren nachhaltigen Projekten in Auroville niedergeschrieben. Ihr findet den Beitrag hier …

Auroville – ein Fazit

Das Ziel, dass der Mensch in Harmonie und Einklang mit sich selbst und der Natur lebt, fasziniert uns selbstverständlich. Wer wünscht sich das nicht? Auroville ist ein Zentrum für Innovatoren und Veränderer, die an einem kollektiven Klima positiver Entwicklung und Fortschritt interessiert sind, insbesondere in den Bereichen nachhaltiges Leben und umweltfreundliche Praktiken. Ob Auroville als Wegbereiter und Vorbild auf die große Welt draußen einwirken kann? 

Acht Tage reichen wahrlich nicht aus, um tiefer in Auroville einzutauchen. Beim nächsten Mal würden wir eher in einem Guesthouse in Auroville wohnen wollen, um einfach mehr an den kulturellen Angeboten teilhaben zu können. Da es im März schon sehr heiß und feucht ist,  würde ich lieber früher hierher kommen. Ich wünsche mir, dass unsere Städte für alle Bewohner und Kinder kulturelle Veranstaltungen, Sportangebote und den öffentlichen Nahverkehr kostenfrei zur Verfügung stellen. Wie? Ganz einfach… die Reichen höher besteuern!

Was haben wir sonst so gemacht?

Rolf und ich wollen mal das Meer von Nahem sehen. Die rauhen Wellen und die vielen Fischerboote, in welchen die Inder stehend über das Wasser treiben, haben wir von unserer Terrasse beobachten können. Also folgen wir dem Weg zum Strand, der rechts und links voller Müll ist. Doch was ist das? Wir trauen unseren Augen nicht. Keine Touristen, dafür Fischerboote. Keine Liegen oder Schirme, dafür Müll und Bauschutt. Der Strand in Tamil Nadu gehört gehört eindeutig den Tamilen, deren Haut extrem schwarz ist. Mangels Toiletten zieht sich der Inder schnell den Dhoti hoch und flupps verschwindet die Kacka im Meer, mit der Hand noch schnell nachgewischt und fertig. Abends und morgens ist hier High Season. An anderen Stellen riecht es nach altem Fisch oder Müllresten. Überall sehen wir vom Meer zerstörte Häuser und Mauern. Einige haben ihre komplette Lebensgrundlagen verloren. Die Inder erklären, dass durch den Bau des Hafens in Pondicherry jedes Jahr die Wellen näher an Ufer kommen und Sand abgraben. Dabei ist ihre Zerstörungskraft so groß, dass sie ganze Häuser mitreißen. Entsprechend sieht es aus wie auf einer Baustelle. Unser Spaziergang ist schnell beendet. So ist es eben. Für die Tamilen hat der Strand keinen touristischen Wert. Für sie hat er andere Funktionen. 

Die Zerstörungen sind schon gewaltig

Da es in unserem Resort kein Restaurant gibt, werden wir Stammkunde der Pizzeria Tanto, die einfach die besten und knusprigsten Pizzas hinzaubert. Das beste ist, sie liefern auch noch. Zur Krönung des Abends geht nur noch ein Tatort und ein Bier. Leichter gesagt als getan. Mit Rolf fahre ich sogar über 10 km bis nach Pondicherry, um in einem Alkoholshop einen Vorrat an Gerstensaft zu ergattern. Mit schweren Rucksäcken geht’s zurück. Und der Tatort? Das ruckelige Wifi bewirkt Pausen und Wiederholungen. Was soll’s. Hauptsache, wie zu Hause, zumal mit Schwester und Schwager. Einfach gemütlich! Manchmal braucht man das als Langzeitreisende.

Tatort gucken …

Selbstverständlich steht Pondicherry auch am letzten Abend auf unserem Programm. Zusammengequetscht in einem Tuktuk düsen wir zu viert ins 10 km entfernte französisch geprägte Städtchen. Ganz anders sehen die Häuser und Straßen hier aus. Irgendwie ordentlicher, schöner angestrichen, wobei mir die grau-weißen Häuser nicht so zusagen. Auf der Strandpromenade zu flanieren, ist hier Pflichtprogramm. Liebespaare auf Bänken, Familien mit Kindern und viele Franzosen schlendern hier entlang. Die Hotels und Restaurants wirken mondän und wie aus einem anderem Film. So chic! Am Ghandi-Denkmal vorbei entdecken wir Kunstwerke. Hier sind Porträts von berühmten Menschen auf geflochtenen Palmblättern gemalt. In einem französisch gestyltem Restaurant essen wir draußen im Garten. Wie üblich, schwitzen wir und bitten darum, den Ventilator – auch draußen – anzustellen. Sogar kaltes Bier wird uns serviert. 

Am nächsten Tag geht es zurück nach Chennai, um von dort zu unserer letzten Station in Indien, Goa, weiter zu reisen …