Archiv des Autors: Eve und Rolf

Marokko – nicht immer ein Traum aus 1001 Nacht

Unsere Vorfreude ist groß, denn hier wollen wir eintauchen in das wahre marokkanische Leben. In unsere Phantasie essen wir köstliche Tajine, schlendern durch das Gassenwirrwarr in der Medina, sehen Handwerkern bei der Arbeit zu, schreiten durch palastähnliche Tore, trinken köstlichen Kaffee und manchmal auch Wein oder Bier. Um so bitterer holt uns die Realität ein. 

In Casablanca landen wir nach zwei langen Flügen. Unser Hotel Central, das ganz nach unterem Geschmack ist, liegt in der Altstadt nah zum Bahnhof. Als unsere Gastgeberin uns am Abend „Rick´s Café“ empfiehlt, ahnen wir noch nicht den Berühmtheitsgrad dieser Location. Ohne Reservierung bietet der Kellner den Billardtisch zum Essen an. Nicht sonderlich gemütlich, da für die Beine kaum Platz ist. Anhand der Bilder und des laufenden Films wird deutlich, dass es sich hier um einen Nachbau der in dem Filmklassiker Casablanca nachgebauten Bar handelt. Entsprechend sind auch die Preise. Nichts wie raus! Auf dem kleinen Platz erzählt uns der Orangensaftverkäufer, dass Ramadan sei. Oh … ah … das haut uns jetzt um! Niemals hätten wir daran gedacht, nachzuschauen, wann Ramadan ist. Na ja, wird doch für uns Nicht-Muslime wohl nicht so schlimm sein, außerdem sind wir nicht zum ersten Mal während des Ramadans unterwegs. Wenn die Muslime tagsüber nichts essen und trinken, heißt das doch bestimmt nicht, dass wir auch fasten müssen.

Frohen Mutes suchen wir eine weitere Empfehlung, eine Tapas Bar auf, die vorzügliche Tapas mit Weißwein serviert. Na also, geht doch! Doch in diesem Moment ahnen wir noch nicht, dass dies eine Ausnahmeerscheinung sein wird.

Die erste Ramadan-Begegnung erfahren wir am nächsten Vormittag im Einkaufszentrum. Bei Decathlon, wo wir noch T-Shirts kaufen möchten, wird erst um 11 Uhr geöffnet – also warten.

Immerhin klappt die anschließende einstündige Zugfahrt nach Rabat wie am Schnürchen. 

Rabat – die erste Königsstadt

Die Verhandlungen mit den Taxifahrern, die jedes Mal aufs Neue einen überhöhten Preis verlangen, beginnen uns zu nerven – Reisemüdigkeit stellt sich langsam ein. Da das Riad Marlinea Hotel in der Medina von Salé schwierig zu finden ist, bringt der Taxifahrer uns durch die schmalen Gassen und ich versuche mir den Weg zu merken. Der wunderschön in warmen Farben behaltende Innenhof mit Tischen und Sofas mit dunkelrotem Samtstoff und bunten Glasfenstern überrascht uns, denn von außen ist nichts davon zu sehen. Schön kühl ist es drinnen, während draußen die Hitze mit 30 Grad knallt. Unser Zimmer auf der dritten Etage mit Terrasse ist ist heller als die anderen Zimmer. 

Abends in der Medina

Wir haben Hunger und ahnen, dass es schwierig wird, etwas zu finden. So laufen wir los und werden schon bald das erste Mal Opfer eines falschen Guides, der uns erst in die Moschee und dann zu einem Fischrestaurant bringen will. Zuerst laufen wir noch naiv hinterher. Er labert uns geschickt zu, führt uns aus der Medina hinaus, über ein Feld Richtung Meer. Im Grunde wollen wir auf die andere Seite des Flusses zur Altstadt. Mit Rolf spricht er etwas auf französisch, ich verstehe nichts. Ich möchte umkehren. Ohne Schatten auch viel zu heiß hier. Dieser Typ gefällt uns nicht. Endlich stoppt Rolf ihn. Der selbsternannte Guide wird regelrecht motzig, als wir nicht in sein Restaurant wollen. Uns reicht es, wir verabschieden uns, er wird noch frecher und will 10 Euro für seine Führung haben! Mit 5 Euro gibt er sich nicht zufrieden – muss er aber. Entsetzt laufen wir zur Marina, können es nicht fassen, dass wir so schnell auf diesen Typ reingefallen sind – wo wir doch erfahren sind ;-). Nun beginnt die Odyssee nach einem geöffneten Restaurant. Mit knurrendem Magen zu suchen, verdirbt bekanntlich die Stimmung. Das von mir ausgesuchte Restaurant hat geschlossen, die nächsten Zwei auch. In dem Dritten bekommen wir zwar langweilige Pasta, werden aber satt. Alleine in einem Restaurant zu sein, gefällt uns gar nicht. Auch die hungrigen, herumstehenden und gelangweilt wirkenden Kellner tragen nicht zur Aufhellung bei. Ob das nun so weiter geht? Immerhin geht Ramadan noch bis zum 04. Juni, das wären noch drei Wochen. Puh, das kann hart werden. Ein Plan muss her, wie wir tagsüber an Essbares kommen. Im BIM-Supermarkt decken wir uns mit Dosenfisch, Frischkäse, Wasser und Bananen ein. Ab jetzt belege ich nach jedem Frühstück das restliche Brot mit Käse, damit wir tagsüber durchhalten. 

Laut Wettervorhersage werden die nächsten Tage bis Donnerstag sehr heiß, d.h. bis 39 Grad in Meknes. 

Um in die blaue Medina von Rabat zu kommen, laufen wir zu der Anlegestelle in Salé und setzen für 1€ mit dem Bötchen auf die andere Seite, laufen den Berg hoch zur Kasbah des Oudayas, ein abgetrenntes Areal nordöstlich der Medina. Ohne Schweißtuch und Dächer geht heute nichts. 

Die blaue Medina

An dem berühmten Stadttor Bab al Kebir laufen wir erst vorbei. Dieses blaue Viertel hier auf der Anhöhe ist mit seinen blau-weiß getünchten Häusern und kleinen Gassen sehr malerisch. Wir fotografieren enge weiße Gassen, die unterschiedlichen Blautöne an den Häuserwänden, die Türen mit ihrer blauen Patina und gelangen schließlich auf eine großen Platz mit einem herrlichen Ausblick auf den Atlantik, das gegenüberliegenden Salé, den Friedhof, den Strand und den Fluss. Der Wind pfeift hier ordentlich frisch, so dass wir bald weiterziehen.

In der eigentlichen Medina von Rabat laufen wir anfangs durch eher leblose Gassen, die insgesamt sauberer wirken als drüben in Salé. Rolf fragt mich schon etwas ungeduldig: „Kommt da noch was?“ Ja und tatsächlich kommen wir zu der Markt- und Ladenstraße, die voller Menschen ist. Obst und Gemüse, Minze und Petersilie werden gestapelt dargeboten. Immer wieder Orangen und Orangensaft.  Männer mit großen Karren quetschen sich durch die wuselige Menschenmenge. Auch Fisch und Teigfladen werden verkauft. Doch niemand isst es etwas. Wir wuseln uns durch die Menge bis zum südlichen Tor, wo wir mittlerweile sehr hungrig tatsächlich ein geöffnetes Restaurant finden. Unsere erste Tajine „Hühnchen in Zitrone“ für nur 55 MAD/5,50€ schmeckt prima. Unsere müden Füße können sich hier etwas erholen. Außer uns, ist noch ein Europäer hier. Diese ausgestorbenen Restaurants sind ein Trauerspiel. 

Als wir auf dem Rückweg in Salé ein Eis essen, hört Rolf ein paar junge Frauen entsetzt „Ramadan“, an uns gerichtet, rufen. Das sollten wir uns also auch besser verkneifen, schließen wir daraus. Doch warum müssen Nicht-Muslime auch fasten? Es wird immer schwieriger. Am Abend auf der Dachterrasse kommt ein Spanier mit einer Bierdose. Er scheint Rolfs Mimik richtig zu interpretieren, denn kurz darauf holt er eine eiskaltes Bier für ihn. Wow, was für eine Überraschung! Er habe sein Bier aus Spanien mitgebracht hat. Klar, woher auch sonst!

 Da die Außentemperatur mittlerweile ein unerträgliches Maß erreicht hat, flüchten wir uns am nächsten Nachmittag bei 37 Grad in das Museum für moderne Kunst. In gekühlten Räumen sind Werke von sehr berühmten Impressionisten wie Monet, Sisley usw. ausgestellt. Die marokkanische Kunst im ersten Stockwerk kommt mir etwas zu kurz. Als wir Hunger verspüren, hoffe ich sehr, dass das Café „7 Art“, das ich wohlweislich vorher ausgesucht habe, geöffnet hat. Die Straßen sind menschenleer, Geschäfte und Cafes geschlossen. Vor dem Café sitzen Einheimische an den leeren Tischen und vertreiben sich die Zeit bis zum Sonnenuntergang um 19:30 Uhr. Überall Menschen vor leeren Tischen. Wir sind mittlerweile vom Ramadan sehr genervt. Vor 20 Uhr tut sich hier nichts.

Im Loose wird dieses Café als eins der schönsten in Rabat beschrieben. Doch Rolfs Enttäuschung macht sich mit einem „Das ist doch wohl der letzte Scheiß hier“ Luft. Die Pizza, die wir beide nicht aufessen, verdient ihren Namen nicht. Doch darum geht’s hier auch nicht mehr! Auch ein Vater mit einem Jungen von ca. 5-6 Jahren setzt sich an einen freien Tisch, ohne etwas zu bestellen. Der Junge schaut sich zwar die Speisekarte intensiv an, bekommt jedoch nichts. Während wir den Orangensaft trinken, schaut er mich sehnsüchtig an. Darf das Kind nun auch nichts trinken? Und das bei dieser Hitze? Ich kann es kaum mitansehen. Wir trinken Orangensaft, das Kind nichts, der Vater nichts, das Pärchen am Nebentisch auch nichts. Sie spielen Karten, die anderen mit ihrem Handy. Von Lebensfreude und Genuss ist das hier weit entfernt. Irgendwie überträgt sich diese Stimmung langsam auch auf uns. Auch wir haben keine Freude mehr daran und müssen sehr achtsam sein, dass wir uns nicht auch noch anblöken, denn wir werden immer gereizter. 

Meknès – die zweite und kleinste Königsstadt

Am Bahnhof von Meknes trifft uns bei der Ankunft der Hitzschlag … pure 39 Grad im Schatten … die Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren. Das übliche Procedere: mit dem Taxifahrer verhandeln, unsere Unterkunft, das Riad Fellloussia in der Medina suchen und finden. Leider riecht es muffig und dunkel. Dafür ist es angenehm kühl. Unsere Brotration rettet uns über den Tag. Obwohl es unerträglich heiß ist, wage ich mich raus in die verwinkelten der Medina bis zu dem großen Platz, der heiß wie eine Bratpfanne danieder liegt. In den etwas verwahrlosten Restaurants seitlich des Platzes kämpfen die Kellner um jeden Gast. Jeder hält mir die Speisekarte unter die Nase. Doch ich möchte nur trinken … und zwar ein eiskaltes Bier … hier und jetzt. Okay, verspricht einer der Kellern und lockt mich unter den Sonnenschirm, wo kein Windchen mehr geht. Während mein Po auf dem wackeligen Stuhl  festzukleben scheint, bringt er mir ein „Casablanca Bier“. Ist das jetzt wahr oder nur ein Scherz? Aha, noch nie gehört. Die Farbe sieht schon mal nach Bier aus! Während ich Rolf schon per WhatsApp über meinen freudigen Fund informiere, merke ich beim ersten Schluck, dass es wie sprudelnder Apfelsaft schmeckt. Hätte ich mir doch denken können! 

Der Innenhof eines Riad

Gemeinsam schlendern wir durch den schattigen und kühleren Souk (Bezeichnung für ein Geschäftsviertel in einer arabischen Stadt) und beobachten die betriebsame Szenerie. Obst- und Gemüseverkäufer bieten in den engen Gassen ihre Waren an. Wurstringe und Fleischstücke hängen an Stäben, ein lebendig aussehender Kamelkopf gleich daneben, Pansen, Milz, Herz und weitere Innereien liegen ausgebreitet auf den Thekenbrettern und werden von Fliegen besiedelt. Der Metzger zerlegt mit der Axt weitere Knochen und ich wechsele die Seite. Auch Fisch in allen Größen wird bei diesen Temperaturen – oft ist das Eis schon geschmolzen – dargeboten. Bei einem Antiquitätenhändler kehren wir ein und halten ein kleines Schwätzchen, denn er spricht deutsch. Taschen, Jacken und Babuschkas aus Kamelleder sind die Top-Souvenirs aus Marokko. Teppiche selbstverständlich auch. Zu dieser Zeit sind weniger Touristenströme in den Gassen. Wie mag das hier wohl in der Hochsaison sein? In Mini-Werkstätten arbeiten Schreiner und Schneider. Immer wieder Schneider. In jedem Verschlag steht eine Nähmaschine, Stoffe und Nähgarn überall verteilt. 

Auf dem Weg in unser Riad kaufen wir leckere Mandeln, die ich vor lauter Hunger esse, denn wir müssen ja noch mindestens bis 19:30 ausharren. Dann machen wir uns auf in ein Restaurant, das laut Google sogar Bier haben soll. Rolf hat es herausgefunden. Doch es sieht verwahrlost und geschlossen aus. Hungrig und genervt suchen wir weiter. Dann bleibt wohl nur der Hähnchengrill an der Kreuzung. Vor dem großen Grill, der auf dem Bürgersteig steht,  setzen wir uns hin. Folglich schwitze ich noch mehr. Himmel, wo bin ich hier? Ich fühle mich wie in einer Sauna, nur dass ich auf der Straße sitze.  Zum Glück hat der Kellner meine Bestellung falsch verstanden, denn statt zwei Teller bringt er nur einen. Und der sieht so wenig appetitlich aus, dass wir uns das trockene Hühnchen mit den schlechten Fritten teilen. Mich kotzt das ehrlich gesagt an. Nach so vielen Stunden des Wartens, dann noch so ein Driss-Essen! Für mich als Kind aus der Frittenbude eine wahre Zumutung. Ich möchte endlich wieder essen, wann und was ich, vor allem genussvoller und nahrhafter. 

Unsere Stimmung sinkt wieder in den Keller. Was kann uns noch aufheitern? Was könnte eine Alternative sein? Spanien kommt aufs Tableau. Spanien lockt uns sehr, statt Ramadan Tapas an jeder Ecke und zu jeder Uhrzeit, Wein und Bier, milderes Klima mit Sonne und Meer. Und zudem könnten wir in Torre del Mar in die Wohnung meiner Mutter wohnen. 

Auf der Suche nach Bier wird’s abenteuerlich und teuer. Mit einem Taxi landen wir im Hotel IBiS, der Fahrer will einen Aufschlag für die 100 Meter mehr gefahrene Strecke haben – Rolf ignoriert sein Gezeter. Aber hier gibts Bier, 5€ die Flasche – egal, wir trinken jeder Zwei. Zu Fuß gehen wir zurück und wünschen uns zunehmend, Marokko zu verlassen. 

Auch am nächsten Tag wird es nicht viel besser. Bei 37 Grad bleiben wir tagsüber in unserem Riad. Auf der Suche nach Lebensmitteln mache ich mich am Nachmittag auf den Weg in den ein Kilometer entfernten Supermarkt. Den Schatten suchend wechsele ich beständig die Straßenseite. Erschöpft und nass komme ich nach zwei Stunden mit etwas Käse und Brot wieder im Riad an. Wieder warten wir bis zum Abend, wieder brechen wir erst gegen 19:30 Uhr zur allabendlichen Restaurantsuche auf, wieder stehen wir vor verschlossenen Türen. Da nützt weder Google noch TripAdvisor irgendetwas. Frustriert und hungrig irren wir weiter, bis wir auf der Dachterrasse am Platz Menschen sehen. Rolfs Zweifel halten mich nicht davon ab, den etwas versteckten Eingang zu suchen. Tatsächlich geöffnet, drei Etagen gehen wir hoch und sitzen wie in der Bratpfanne, denn der Beton hat sich tagsüber bei 37 Graf ja prima aufheizen können. OMG … akzeptieren und entspannen. Wie üblich gibt es Tajine mit Hühnchen oder Hackbällchen. Unsere Stimmung? Könnt ihr euch denken, oder? 

Planänderung in Fes 

Dass in Fes die Entscheidung fällt, die Reise durch Marokko abzubrechen, verwundert jetzt wohl keinen mehr. Unvorstellbar, hier noch weitere (wie geplant) 6 Wochen zu reisen. 

Da sich der Tagesablauf wiederholt, fasse ich die drei Tage zusammen. Bei entsetzlicher Hitze verbringen wir die Tage im Riad, organisieren irgendwie etwas Essbares wie Brot mit Käse und versuchen die Zeit bis zum Abend totzuschlagen. Bei schlechter Laune macht nichts wirklich Spaß. Abends laufen wir uns die Füße bei der Suche nach einem Restaurant platt, sind frustriert und genervt. Wenn wir Glück haben, bekommen wir gegen 21 Uhr irgendetwas zu Essen, denn die Angestellten müssen schließlich zuerst essen, bevor sie arbeiten. Demzufolge sitzen die Touristen hungrig vor leeren Tischen und trinken ihr mitgebrachtes Wasser. Doch schlimmer geht bekanntlich immer. Mit Bauchkrämpfen quäle ich mich auf der Suche nach einer Toilette durch die Gassen. Doch erfolglos, ohne Café keine Chance. Als meine Not immer größer wird, frage ich bei den Gerbereien im Ledergeschäft. Erlösung! Ich kann und will nicht mehr. Was ein Stress nur für eine Toilette! 

Die Färbereien von Fes

Uns reicht es nun völlig. In den ganzen zehn Monaten habe ich mich noch nicht so unwohl gefühlt wie hier. Ich spreche aus, was ich denke: „Ich möchte nicht mehr in Marokko sein. Ich möchte auch nicht mehr zurück nach Marokko! Ich möchte nach Spanien und dann nach Hause!“ Jetzt ist es raus! Rolf starrt mich an und nickt erleichtert. „Ja, ich auch.“ Wir stornieren die ausstehenden Buchungen in Chefchauen und Marrakesch, kaufen das Zugticket nach Tanger und freuen uns auf bessere Zeiten. Ich bin gerührt und froh über die Übernachtungsangebote meiner Familie und Freundinnen in und um Köln. Wir kommen schon unter. Unsere Familien zu unterstützen erscheint uns tausendmal sinnvoller, als hier in Marokko den Tag rumzukriegen. 

Die Tatsache, dass wir reisemüde sind, ist nach den vergangenen zehn Monaten nun auch nicht verwunderlich. Unzählige Eindrücke und Erlebnisse haben uns viel Freude bereitet. Doch jetzt sind wir satt. Das spüren wir vor allem daran, dass wir uns weder noch mehr Altstädte, Festungen, historische Bauten und Tore, Aussichtspunkte, noch Wasserfälle und Strände usw. anschauen wollen. Wir haben genug gesehen und erlebt. Auch mit Ramadan können wir nicht mehr mit Leichtigkeit umgehen. Reisen ist auch deswegen so anstrengend, weil man ständig weiterzieht und sich neu orientieren muss. Wo ist die Toilette? Ist die Dusche warm? Wo kann ich Geld bekommen? Welche Währung und wie sie umrechnen? Welche Grenzbestimmungen? Welche Sprache? etc … jedes Mal aufs Neue. Das ist originär Teil des Reiseabenteuers und macht auch Spaß. Doch wenn der Zenit überschritten ist, ist es eben auch Zeit zu gehen. 

Mit großer Freude informieren wir unsere Familie und Freunde, buchen den Rückflug, fahren fünf Stunden mit dem Zug nach Tanger, wo wir noch einmal übernachten, bevor es am nächsten Morgen mit der Fähre nach Tarifa geht. 

Von dort geht es weiter nach Torre Del Mar, wo wir die letzten Tage bis zu unserem Rückflug unter der andalusischen Sonne mit Ausflügen auf dem Rad (endlich mal wieder …) ins bergige Hinterland verbringen. Wir genießen das tolle Wetter bei angenehmen Temperaturen, leckerem Essen und kühlem Bier.

Hier geht dann unser Sabbatical zu Ende. Zusammengefasst waren wir 304 Tage unterwegs, haben 81747 Kilometer zurückgelegt, 13 Länder besucht und sind dabei in 189 Orten gewesen … Eine interessante grafische Übersicht darüber findet ihr auf Polarsteps. Es wird noch ein abschließender Beitrag “Vom Glück als Paar zu reisen” folgen …

Südafrika Teil III: Kapstadt

Kapstadt – kein Ort der Guten Hoffnung

Von Franschhoek kommend, erblicken wir die Skyline von Kapstadt mit Blick auf den Tafelberg. Etwas aufgeregt sind wir schon. Alex hat ein wunderschönes kapmalaiisches Haus in Bo-Kaap über Airbnb gefunden. Unser „Purple House“ in der Waterkant Street im schwedischen Ethno-Style verfügt auf 3 Etagen über drei Schlafzimmer mit Bad, Küche, Wohnzimmer und einer großen Dachterrasse mit Blick über die ganze Stadt. In unmittelbarer Nähe gibt es herrliche Cafes und Restaurants mit Tischen draußen unter den Bäumen. Das Viertel sei sehr sicher, erklärt der Vermieter. Eine Gartentüre, eine große Gittertüre und eine Haustüre plus Alarmanlage schützen auch hier vor ungewolltem Besuch.

An die vielen Schlösser und Schlüssel mögen wir uns nicht gewöhnen und wenn die Alarmanlage nicht unmittelbar nach Betreten der Wohnung deaktiviert wird, steht der Wachdienst vor der Tür (wie wir erleben durften).

Radtour zum Camps Bay

Auch in Kapstadt gibt es Bikesharing. Eine prima Möglichkeit, wenn man nur eine Strecke fahren möchte, denn an den 5 Stationen kann das Rad wieder abgegeben werden.

Biketour durch Kapstadt

Um zum Camps Bay zu kommen, mieten wir uns bei Up Cycles fünf Räder an der Station „V&A Waterfront“. Zwischen Hollandrad und Mountainbike kann man sich eins aussuchen.  Für Noomi gibt es sogar einen Anhänger, da sie noch nicht ganz so fit ist. Anfangs wühlen wir uns durch die Fußgängerzone an der Waterfront bis wir den Radweg am Greenpoint finden. Alex zieht den Anhänger vorneweg, Luan radelt sicher hinterher.

Bei strahlendem Sonnenschein und frischer Brise vom Meer radeln wir die Küste entlang, an Seapoint vorbei an der Westflanke des Tafelbergs, wo die imposanten Steilwände der 12 Apostel erscheinen. Luan zählt auch gleich die Bergkuppen, ob’s wirklich zwölf sind. Mit Blick auf die Bergkette erscheint die türkisfarbene Bucht von Clifton Bay. Einen Berg müssen wir über die Straße fahrend noch überwinden, bis wir Camps Bay erblicken. Das Radverkehrsnetz ist weder beschildert noch stringent auf einem Radweg. Na ja, hier könnte man noch dran arbeiten.

Camps Bay hat eine Beachroad, gesäumt von hippen Restaurants und teuren Hotels. Einem mondänen Kurort gleich flanieren oder fahren hier chic gekleidete Kapstädter und Touristen auf und ab. Unsere Räder geben wir ab und stärken uns erst mal mit leckeren Fritten und Hühnchen, bevor wir an den Strand gehen. Noomi lockt Alex ins Wasser, das so kalt ist, dass ich noch nicht mal darin stehen möchte. Doch Alex springt tatsächlich rein, nur Noomi dann doch nicht. Während Luan Muscheln sammelt, beobachten wir die Kinder am Wasser.

Camps Bay

Mit dem Uber-Taxi fahren wir zum Sonnenuntergang an die Waterfront. Direkt am Meer gelegen bietet, die für uns zu moderne Anlage immer wieder fantastische Ausblicke, ob auf die Boote im Hafen, den Tafelberg im Hintergrund oder auf die alten sanierten Hafenhäuser im victorianischen Stil. In einem der Hafenrestaurants lassen wir den Abend bei allerlei Leckereien ausklingen. 

Mit der Gondel auf den Tafelberg

Zu Kapstadts Wahrzeichen, dem 1086m hohen Tafelberg, bringt uns die sich drehende Gondel in einem rasanten Tempo. In der Nebensaison können wir die Tickets vor Ort kaufen. Ein bisschen Schlange stehen und warten, doch relativ schnell kommen wir in die Gondel. Je nachdem schaut man auf die Steilwand des Tafelbergs oder auf die Bucht von Kapstadt. Bei bestem Wetter haben wir eine weiten Blick auf die Bucht, den Hafen und auf den Lion’s Head. Oben angekommen wandern wir auf dem mehrere Quadratkilometer großes Plateau und sind fasziniert von der Aussicht auf das Stadtzentrum mit Signal Hill, Robben Island, die mondänen Badeorte von Camps Bay und Clifton im Westen. 

Auf dem Tafelberg

Die Wanderwege des 30minütige „Agama Walk“ führen zwischen massiven Felsblöcken mit ausgeprägte Einkerbungen und zahlreiche Fynbos-Pflanzen und ermöglichen eine 360 Grad Aussicht auf Kapstadt. Der kühle Wind lässt erahnen, wie es hier oben zugeht, wenn die berühmte Tischdecke (eine Nebelbank) dem „table cloth“ sich auf das Plateau legt. Ansatzweise bekommen wir diese Wandlung zu spüren, denn uns wird sofort kalt. Der ungemütliche Wind treibt uns dann doch schnell zum Ausgang.

Füße im Sand im Strandbad Grand Afrika

Im Strandrestaurant Grand Afrika verbringen wir einen herrlichen Nachmittag mit Spielen und Schlemmen … eine üppige und delikate Fischplatte mit riesigen Garnelen und kaltem Rosé. Dieses stylische Location liegt malerisch direkt am Atlantik. Ein entspannter Rückzugsort im Herzen der Metropole. Wir genießen den verspielten Luxus, spielen mit den Kindern und genießen den letzen gemeinsamen Tag in Kapstadt.

Im Grand Afrika lassen wir es uns gut gehen

Neighbourgoods Markt in Woodstock

Bevor Alex und Familie heute wieder nach Deutschland fliegen, möchten wir unbedingt noch auf den trendigen Markt in Woodstock. Gleich hinter dem Bahnhof ist die Veränderung im Stadtbild unverkennbar. Mehr Schmutz und Müll, alte Autos und Häuser, einfache Geschäfte und Werkstätten.

In dem ehemaligen Arbeiterviertel Woodstock lassen sich seit geraumer Zeit immer Künstler, Designer und alternative Querdenker nieder. In der restaurierten fotogenen Old Biscuit Mill findet jeden Samstag der trendige Neighbourgoods Market (373 Albert Rd, Woodstock) mit Streetfood-Ständen, afrikanischer Handwerkskunst und Designermode statt. In den alten Fabrikgebäuden schlendern wir durch Cafés, vegetarische Restaurants, Galerien und ausgefallenen Geschäften mit Secondhandkleidung, Upcycling-Möbeln und Antiquitäten.

Kapstadts Feinschmeckermarkt bietet bei Live Musik handgemachtes Brot, frisch gepresste Säfte oder den besten Kaffee der Stadt. Neben dem hippen Jungvolk Kapstadts klönen auch Jung und Alt auf dem Boden oder auf Bänken sitzend bei einem Glas Wein und Köstlichkeiten aus aller Welt.

Voller Eindrücke fahren wir zurück zu unserem Haus. Der Abschied steht bevor und meine Tränen kann ich kaum noch zurückhalten. Eine wunderbare gemeinsame Zeit liegt hinter uns. Kapstadt hat uns reichlich mit Sonne und Erlebnissen beschenkt und vieles wieder ausgeglichen, was auf der Garden-Route quer war. 

Brillenpinguine am Boulders Beach 

Nachdem wir einige Tage die Weinroute im Hinterland von Kapstadt erkundet haben (Beitrag folgt noch), wollen wir noch einige Tage in Kapstadt verbringen, bevor wir Südafrika den Rücken kehren.

Brillenpinguine am Boulders Beach

Bevor es wieder nach Kapstadt geht, fahren wir nach Simon’s Town auf der Kaphalbinsel, um die Brillenpinguine am Boulders Beach zu sehen. Auf dem Weg dorthin fahren wir an riesigen Seen, wie dem Theewatersklofdamm, den Bergketten von Hottentots Holland Nature Reserve vorbei, bis wir in der Provinz Western Cape wieder zum Meer gelangen. Links die Dünen und rechts kleine Blechhütten windschief auf dem Dünensand. Diese Blechhüten dehnen sich weiter aus, kilometerlang, über die Hügel und wieder hinunter. Immer mehr kommen zum Vorschein. Die Menschen leben hier in sehr armen Verhältnissen. Wie können sie hier nur leben? Was machen sie bei Regen? Das Wasser läuft doch in die Hütten hinein?Entsetzt über diese riesige Township lesen wir, dass Khayelitsha eines der größten Townships in Südafrika mit über 400.000 Bewohnern ist. Einen lesenswerten Artikel über das Leben und die unerfüllten Hoffnungen dort könnt ihr hier nachlesen.

Unter der Apartheid-Regierung in den 1950er Jahren entstanden, wurde die schwarze Bevölkerung hier her umgesiedelt. Dass Khayelitsha auf isiXhosa „Neue Heimat“ heißt, ist so absurd. Obwohl die Regierung versucht, allen Bewohnern freies Wasser und Elektrizität zu gewähren, ist dies doch kein guter Ort zum Leben. Die Wartelisten für die zu wenigen neuerrichteten Häuser aus Stein sind lang, die Arbeitslosenquote und die Kriminalitätsrate hoch.

Irritiert fahren wir weiter an der Küste entlang, die mit großen Villen an den Hängen den krassen Gegensatz nur verstärkt. Haben wir nicht vor ein paar Minuten sehr arme Wohnverhältnisse gesehen? 

Wie können die Weißen hier ohne Gewissensbisse ihr Leben genießen?

Die kleinen Küstenorte wie Kalk Bay und Simon’s Town wirken wie Kurorte für gestresste reiche Kapstädter. Simon’s Town, der Ort an der windgeschützten False Bay, ist für seine Kolonie von Brillenpinguinen berühmt. Die hellen, abgerundeten Felsen vor dem türkisfarbenen Wasser erinnern an die Seychellen. Die Häuser im viktorianischen Stil, jeder Menge Vintage- und Second-Hand-Läden auf der Hauptstraße sollen bestimmt zu Bummeln einladen. Tut es uns aber nicht.

Als wir Boulders Beach mal wieder Eintritt (12€ pro Person) für das Betreten eines Holzsteges, der zu der Bucht führt, bezahlen sollen, streiken wir. Jetzt reicht es uns wirklich. Für natürliche Gegebenheiten wie eine Kolonie von Brillenpinguinen am Strand wird hier so viel Geld verlangt. Für maximal eine Stunde würden wir 24€ bezahlen. Das hier ist kein Zoobesuch, wo ich mir den ganzen Tag mit meinen Enkelkindern unzählige Tiere anschauen kann. Nein, nein, das Spiel spielen wir nicht mehr mit! Wir laufen den seitlichen Holzsteg zum anderen Ende der Bucht und können Pinguine mit ihren Jungen in ihren Nestern riechen, hören und beobachten. Ganz umsonst! Von weitem – leider ohne Fernglas – sehen wir, wie sich die Pinguine im Wasser tummeln. Das reicht uns dann nun auch. 

Kap der Guten Hoffnung – ohne uns

Wir fragen uns ob, man es unbedingt gesehen haben muss. Ja … Nein … wägen ab und wollen es schließlich ausprobieren. Wie so oft hier in Südafrika vermuten wir, dass für einen Naturschauplatz oder ein Nationalpark ein hoher Eintritt verlangt wird. Dass der angegebene Preis im Reiseführer nur für Südafrikaner gilt, wissen wir noch nicht.

Auf dem Weg zur Nationalpark-Einfahrt fahren wir die Küstenstraße nach oben bis wir nach ca. 20 min das Tor erreichen. Hier hauen uns dann die Preise mal wieder von Hocker. Mit 18€ pro Person bist du dabei. Doch wofür? Nur um am Ende ein Foto von uns vor dem berühmten Schild „Cape of Good Hope“ mit seinen Koordinaten zu haben, dass 36€ gekostet hat? Da wir keine Wanderung im Nationalpark geplant haben, fällt uns kein weiterer Grund ein, der für den Eintritt sprechen würde. Wir drehen und lassen das Kap Kap sein. 

Kapstadt Teil II

Unsere letzten vier Tage in Südafrika tauchen wir tiefer ein in die Geschichte der Apartheid. In unserem House on the Hilldas nah zur Waterfront liegt, kochen wir in der gut ausgestatteten Küche auch mal Pasta mit den köstlichen Oliven von der Olivenfarm in Robertson. Die Olivenpaste mit Brot ist ein echter Genuss. Die Temperaturen sind mit 20-24 Grad weitaus kühler, besonders abends, wenn der kalte Wind durch Kapstadt fegt.

Buntes Bo-Kaap

Bevor unsere Tour durch Bo-Kaap startet, stolpern wir über den Greenmarket Square, einem der ältesten Märkte Kapstadts mit Kunst und Handwerk, handbemalten Stoffe, Holzschnitzereien, Glaswaren, Kleidung, Kuriositäten und vieles mehr.

Am Treffpunkt für die Freewalking-Tour am Motherland Coffee treffen wir mit ca. zehn weiteren Teilnehmern auf unseren Guide. Die „Apartheid to Freedom-Tour“ erinnert an die Geschichte der Apartheid in Kapstadt, insbesondere an die Apartheidgesetze und deren Konsequenzen. Unser Guide führt uns durch das Viertel “Bo Kaap“, ein Stadtviertel, das berühmt ist für seine kunterbunten Häuschen. Von Zitronengelb über Grasgrün bis zu Babyblau und Lila ist alles dabei. 

Bo Kaap

Es wurde von den Kapmalaien im 18. Jahrhundert zuerst besiedelt, nachdem sie aus der Skaverei entlassen worden waren. Enge, steile Gassen mit Kopfsteinpflaster führen an bunt gestrichenen kleinen Häusern mit kapholländischer Architektur vorbei. Zehn Moscheen gibt es hier. Gerade wird hier ein Film gedreht, was nicht verwundert bei dieser farbenfrohen Kulisse.

Die Islamisierung durch den Imam Tuan Guru und seine im Untergrund gegründete Auwal-Moscheewar ist die erste Moschee in Südafrika. An einer Straßenecke beobachten wir eine Gruppe islamischer Männer, die wild gestikulierend herumschreien. Sie spielen Domino … sonst nichts. Das Viertel Bo-Kaap und insbesondere die bunten Häuser werden mehr und mehr geschützt und dürfen nicht an Investoren verkauft werden. Das ist gut und wichtig! Die Häuser müssen weiterhin als Wohnhäuser genutzt werden. Erfolgreich haben sich die Bewohner gegen den Weiterbau eines 17-stöckigen Hochhauses gewehrt. Die Bauarbeiten liegen seitdem auf Eis.

District Six Museum in der Buitenkant Street Church

Dass sich in einer ehemaligen Kirche ein Museum befindet, ist schon außergewöhnlich. Später erfahren wir auch den Grund dafür. Hier konnten sich sonntags ehemalige Anwohner zur Messe treffen und ihren Widerstand gegen die Apartheidgesetze organisieren.

Ein ehemaliger schwarzer Bewohner dieses Stadtteils, dass ursprünglich von frei gelassenen Sklaven bewohnt war, berichtet in diesem kleinen Museum während der Führung von der brutalen Räumung. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Rassentrennung und der Apartheid Gesetze deklarierte die Regierung 1966 das Gebiet des District Six als ‚White Group Area‘ – also für die weiße Bevölkerung – und ließ es mit Bulldozern platt walzen.

District Six Museum

Für die Bewohner, die grausam ihrer jahrzehntelangen Heimat beraubt wurden, war diese Entwurzelung grausam. Sie mussten in die Cape Flats (Townships) umsiedeln, wobei sie jegliches Recht auf Eigentum und Grundstücke verloren. Nur die Kirchen ließen sie stehen. Unser Guide erzählt uns eine Geschichte von seinem damals 6jährigen Sohn, als er mit ihm unterwegs war und er auf die Toilette musste. Da es nur eine Toilette für Weiße gab und es strikt verboten war (Schild), diese zu benutzen, versuchte er dies seinem Sohn erklären. Der aber zeigte immer wieder auf die Toilette und verstand nicht, warum er sie nicht benutzen konnte.

Seine authentischen Erzählungen gehen uns nahe. Ja, wie soll ein Kind diesen Wahnsinn verstehen? Dass er  sogar den königlichen Familien von Norwegen, Schweden und den Niederlanden und Michele Obama während ihrer kurzen Reise in Südafrika seine Geschichte zeigen konnte, ist schon beeindruckend. 

Dieses Museum ist ein bedeutsamer Ort, ein Ort der Erinnerung an das friedliche Zusammenleben, an das Stadtviertel, an die Vertreibung, an die Entwurzelung der ehemaligen Sklaven. Vielen Dank an alle, die die Erinnerungsstücke fleißig gesammelt und hier in liebevoller und kreativer Art ausgestellt haben.  

Ein Stück Zeitgeschichte hautnah – Robben Island

Ob es sich lohnt, die dreistündige Tour zur Gefängnisinsel zu machen? Wir finden schon, denn zur Geschichte Südafrikas gehört die Geschichte von Robben Island wie das Huhn zum Ei. Um die Menschen, die Politik die Entwicklungen zu verstehen, ist dies unerlässlich. 

Robben Island

Am Nelson Mandela Gateway an der V & A Waterfront kaufen wir die Tickets (360 R/22€) für den nächsten Tag, was jetzt in der Nebensaison auch ausreicht. Über die Homepage ist dies besonders in der Hauptsaison zu empfehlen. 

Die 30minütige Überfahrt offenbart wunderschöne Ausblicke auf den Hafen, die Waterfront und den Tafelberg. Bei der Ankunft geht es mit dem Bus über die Insel. Ein Guide erklärt die historischen Orte bis uns am Gefängnis ein ehemaliger politischer Gefangener, der hier 7 Jahre inhaftiert war, in Empfang nimmt und ins in das erste Gebäude in eine große Zelle führt. Wir nehmen auf den seitlichen Bänken Platz und er berichtet vom Alltag im Gefängnis:

Gefangene mussten im Steinbruch Steine zu Sand klopfen, der für den Bau der weiteren Gefängnisgebäude benötigt wurde. Sie selbst bauten also ihre eigenen Gefängnisse. Die tagtägliche harte Arbeit im Steinbruch, der sich im Sommer extrem aufheizt, führte bei vielen Gefangenen zu Augenschäden, denn Sonnenbrillen waren nicht erlaubt. Eine kleine Höhle diente als Schattenplatz und Toilette. Hier konnten sie mal ungestört miteinander sprechen, da kein Wächter sich hier hinein wagte.

Der Steinbruch auf Robben Island

Einigen Gefangenen ist sogar die Flucht gelungen, entweder versuchten sie die 7 km bis zum Festland bei Bloubergstrand durch den kalten Atlantik zu schwimmen, klauten Boote der Wächter oder bauten sich heimlich selbst Boote, z.B. aus Tierfell. Natürlich ertranken auch Viele, doch ein paar Wagemutige schafften es auch. Haie erledigten ihren Teil. Besonders einer (David) konnte 3x mit einem Boot entkommen, so dass man ihn künftig in Australien einsperrte.

Auf Robben Island wurden nach 1843 vor allem Leprakranke sowie geistig Behinderte gebracht. Nelson Mandela ist wohl der berühmteste Gefangene von Robben Island, wo er 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Wir werden durch den Trakt mit den Zellen geführt. Die vierte Zelle rechts ist Mandelas Zelle … rechts eine Matte auf dem Boden, ein Eimer, ein Tischchen, graue Wände.

Sieht alles renoviert und sauber aus, was meiner Ansicht weniger authentisch ist. Die grauen kalten Wände, die Gitter, die engen Zellen und die Höfe mit ihren Mauern lösen ein beklemmendes Gefühl aus. Es muss sehr kalt gewesen sein! Sommers wie Winters wurde die gleiche Kleidung getragen: kurze Hosen und T-Shirts, keine Schuhe. Zweimal in der Woche durften sich die Gefangenen mit kaltem Wasser aus dem Meer duschen bzw. waschen. Erst viel später gab es warmes Wasser. Auch die Unterlagen zum Schlafen haben sich die Gefangenen hart erkämpfen müssen … von der dünnen Strohmatte zur Filzmatte war es ein langer Weg. Die Apartheid schlug auch hier voll zu. Sogar das Essen wurde zwischen Schwarzen, Farbigen und Asiaten unterschiedlich verteilt. Die Schwarzen bekamen von allem am Wenigsten.

Familienmitglieder durften die Gefangenen nur sehr selten besuchen, wobei nur Englisch oder Afrikaans gesprochen werden durfte. Die Wächter, die mit Killerhunden aufpassten, wohnten mit ihren Familien auf der Insel. Die meisten Gefangenen wurden mit dem Erstarken der Anti-Apartheid-Bewegung wegen „Sabotage“ angeklagt. 1971 streikten und protestierten Gefangene für humanere Bedingungen, so dass sie beispielsweise auch in der Haft studieren durften. Nelson Mandela hat diese Proteste maßgeblich vorangetrieben, was dazu führte, dass das Gefängnis auch Mandela University genannt wurde. Mandela selbst hat hier seine Memoiren (Der lange Weg zur Freiheit) geschrieben. 

Kritischer Rückblick auf Südafrika 

Insgesamt haben wir sieben Tage in Kapstadt verbracht, wirklich lang und intensiv. Dennoch empfinden wir nicht den Hype, der um die „Mothercity“ am Kap der Guten Hoffnung gemacht wird. Es liegt auf der Hand, dass die einmalige Lage in der Bucht unterhalb des Tafelbergs sowie die nahen Strände wie Clifton und Camps Bay einmalig schön sind. Für die Skyline mit der plateau-förmigen Oberfläche zusammen mit Signal Hill, Lion’s Head und Devil’s Peak ist Kapstadt weltberühmt. Besonders das kapmalaiische Viertel Bo-Kaap begeistert mit seinen bunten Häusern.

Aber an den Townships vor den Toren der Stadt, insbesondere Langa und Khayelitsha, wird deutlich, wie ausgeprägt die Apartheid heute noch existiert. Armut ist schwarz, Reichtum ist weiß. Die weißen europischstämmigen Südafrikaner haben die Macht, die Villen, die großen Autos, die gut bezahlten Jobs, die gute Ausbildung. Die Schwarzen putzen die Klos, die Wohnungen und die Autos der Weißen. Drecksarbeit eben. Die ummauerten Villen mit ihren Alarmanlagen und Stacheldrahtzäunen halten fremde Blicke und Hände fern. Alles ist mehrfach abgeriegelt. Zwei bis drei Tore und Türen bis zum Eingang. 

Nelson Mandela war aufgrund seiner Aktivitäten gegen die Apartheidpolitik 27 Jahre auf Robben Island inhaftiert. Von seine Zielen für ein gleichheitsorientiertes, demokratisches Staatswesen ist Südafrika heute nach 25 Jahren weiter entfernt als je zuvor. Nach Kapstadt zu reisen und diese gravierende Kluft zu erleben, löst bei uns Beklemmung aus. Ausblenden können und wollen wir diese ungerechte  Verteilung nicht. Wer nur an der Waterfront in Designerläden shoppen gehen und in coolen Beachbars fein essen möchte, muss schon sein Reflexionsvermögen auf Eis legen, um das hier  genießen zu können. Die Schaufenstern prahlen mit unfassbar teuren Schmuck, Kleidern, Taschen, Schuhen und vor allem schnellen Autos al la Lamborghini.

Wohingegen die Schwarzen auf der Straße betteln, in Parkanlagen schlafen oder vor Einbruch der Dunkelheit in übervollen Sammeltaxis in ihr Township fahren. Wenn sie Glück haben, wohnen sie mit der ganzen Familie in einem von der Regierung gebauten kleinen Steinhaus, ansonsten in einer Hütte aus Blech, Karton oder Holzresten am Stadtrand. Ödes Land, Brachland, Geröll oder Sand, Müll und Gestank. Hierher kehren sie jeden Abend zurück. Abends sollte eh jeder besser zu Hause sein, denn die Angst vor Überfällen ist hoch.

Kapstadt wird niemals unsere Lieblingsstadt. Was unzählige Reiseblogger gebetsmühlenartig wiederholen wie „Kapstadt, die schönste der Welt – Kapstadt meine Lieblingsstadt“ und auch nicht davor zurückschrecken, sogar mehrfach nach Kapstadt zu reisen, ohne die problematische Situation der Schwarzafrikaner zu reflektieren, halten wir für extrem eindimensional. 

Diesen Tummelplatz für die Schönen und Reichen verlassen wir gerne. Wir lieben es, frei zu sein, uns auch abends frei zu bewegen, in offene Häuser zu gehen und in Kontakt mit den Menschen zu sein. Dass wir uns hier eingesperrt fühlen, liegt auf der Hand.

Ach ja, und wir haben keine Township-Tour gemacht, da sie uns mit 45€ pro Person zu teuer ist. Denn vom Armutstourismus profitieren nur Einzelne, sie sind kein Mittel zur Armutsreduzierung. Darüberhinaus haben wir in Soweto mit einheimischen Guides einen sehr interessanten Einblick bekommen. Und nein, wir schreiben keine Liebeserklärung an Kapstadt, denn wir haben keine 7 Gründe wieder herzukommen. Das erledigen die Touristen und digitalen Nomaden, die sich hier im übermäßigen Luxus wohlfühlen, wenn nebenan Familien hungern müssen. 

Ein interessanter Artikel zur Entwicklung der Gewalt in Kapstadt bei Spiegel Online.

Abschied von Südafrika …

Philippinen Teil 3 – Ein Besuch im Takatuka-Land und unsere letzten Tage auf Siquijor

Mit einem privaten Fahrer fahren wir die vier Stunden bis Sipalay, von wo uns ein Boot in 10 min zum Suger Beach bringt. Dass diese Unterkunft, die Takatuka Lodge, ganz besonders sein würde, wussten wir schon 2012. Aufgrund der Stürme haben wir es damals nicht geschafft. So eine Unterkunft gibt es kein zweites Mal, denn sie ist extrem individuell und künstlerisch. Jeder Bungalow ist zu einem anderen Thema gestaltet, wie z.B. Cave, Bono Bongo, Treasure, Marco Polo, El Castillo, Nautilus, The Garage, 70er Jahre usw. In unserem ersten Bungalow, die Cave, müssen wir uns an jeder Türe bücken, denn Eingänge sind in Höhlen bekanntlich niedrig. In Ockergelb gestrichene und gewölbte Wände mit Lichtlöchern und schiefen Fenstern umgeben unser Bett, Wandmalereien und Accessoires wie Fledermäuse, Dino-Skelette und Schädel ergänzen das Höhlen-Feeling. Dass aus dem Maul des riesigen Dino-Skeletts vor der Tür das Wasser für den Sand an den Füßen kommt, wenn man am Auge dreht, nehmen wir erst am nächsten Tag wahr. Eine Minibar, Trinkwasserbehälter, kleine Lampen am Bett, Kaffee und Tee, Kekse und Chips und vor allem die vielen Haken (!!) an der Wand lassen uns staunen. Hier hat mal einer mitgedacht. 

Takatuka Lodge auf Negros

Nach zwei Tagen müssen wir ins Nautilus umziehen, da die Cave gebucht ist. Dieser Bungalow übertrifft wirklich alles, was wir bisher gesehen haben. Nach Jules Verne ist hier bis ins kleine Detail gestaltet worden. Aus einer Schiffsschraube wird eine Lampe, aus einem Schiffsmotor ein Tisch, aus Wasserohren Handtuchstangen, aus alten Gasflaschen Seitenwände für Regale usw. überall, wo wir hinschauen, entdecken wir neue Dinge. Bis ich den Lichtschalter im Bad finde, dauert es etwas … versteckt in einem ausgedienten Atemregler … fast nichts ist hier normal! 

Das umfangreiche Frühstück im Restaurant ist das Beste, was wir bisher auf den Philippinen hatten. Wenn du Eier möchtest, drückst du auf das Gummihuhn am Buffet, damit jemand kommt. Das Restaurant bietet ausgefallene und sehr schmackhafte Gerichte. Kathy und Kalle müssen ihrem Team extrem lange und geduldig ihre Vorstellung von Service gelehrt haben. 

Beide betreiben die Lodge seit 2002 mit ganzen Herzen. Kalle ist wohl ein Handwerks-Genie, der aus wertfreien Materialien undenkbare Sachen baut. Jedes alte Teil wird umfunktioniert und zu neuem Leben erweckt. Aus was er alles Lampen und Lichtschalter gebaut hat, fasziniert uns total. Wie lange sie wohl gebraucht haben, um all diese künstlerischen Extras zu bauen? Und wo bekommen sie nur all diese Sachen her? Hier, wo alles mit dem Boot hingebracht werden muss. Er muss ein riesiges Lager haben! Pipi Langstrumpf hätte ihre Freude daran! 

Der Internet-Empfang ist leider zu schwach, als dass wir neue Beiträge auf den Blog stellen könnten. Wir nutzen die Tage zum Schreiben und Recherchieren bei Workaway. Beim Joggen am Strand freue ich mich wie ein kleines Kind. Endlich mal wieder! Auch fürs Yoga finde ich ein schönes Plätzchen. 

Am Strand gibt es ein paar Fischerboote und Resorts, die auffällig häufig in Schweizer Hand sind. Wir laufen den einsamen Strand hinunter, beobachten einheimische Fischer und Kinder, die Blinde Kuh spielen. Die wenigen Unterkünfte mit Hütten aus Naturmaterialien befinden sich gut versteckt hinter den Palmen, so dass sie kaum auffallen. Was für eine wunderbare Idylle! 

Einziges Manko für uns sind die Gäste hier (die Taucher unter unseren Freunden mögen uns verzeihen) … rauchende und dickliche Taucher, die gerne unter sich fachsimpeln, ältere Männer, die tätowiert im Muscle-Shirt an der Bar viel Bier trinken … viele scheinen hier Stammgäste zu sein, so dass wir als Schnorchler eh nicht zu deren Kreis gehören … schade, keine Backpacker hier … nicht ganz unsere Wellenlänge. Aber wahrscheinlich geht’s den Tauchern hier umgekehrt mit uns ebenso.

Wir haben 5 tolle Tage bei Kathy, Kalle und ihrem Team im Takatuka-Land verbracht, aber wir haben noch ein letztes Ziel auf den Philippinen auf unserer Liste: Siquijor, eine kleine Insel vor Negros. Dafür müssen wir wieder zurück nach Dumaguete, um uns von dort mit einem Speedboot nach Siquijor bringen zu lassen. Die gute Stunde hat es in sich, rauher Seegang, das Boot knallt immer wieder ohrenbetäubend aufs Wasser – Eve sucht mit Ihren Blicken den Horizont, aber es geht gut. 

Am Hafen von Siquijor, der Hauptstadt der gleichnamigen Insel, erwartet uns schon der Fahrer des U.Story Guesthouse. Die Bezeichnung “Guesthouse” ist hier aber eher Understatement. Uns erwartet eine wirklich schöne Anlage im balinesischen Stil mit nur 5 sehr komfortablen Bungalows, einem Restaurant mit einer Küche im philippinisch/französischen Mix in einer Qualität, die wir schon lange nicht mehr genossen haben, mit jeder Menge Chill-Ecken an einer Felsenküste gelegen. Wir freuen uns auf die letzten Tage auf den Philippinen, mit etwas mehr Luxus, als wir uns normalerweise gönnen, aber immer noch nicht jenseits unseres täglichen Budgets.

Der Garten des U.Story Guesthouse

Die Rahmenbedingungen sind eigentlich ideal, da es Platz zu Genüge gibt, dazu noch viel Gras, um unsere tägliche Yoga-Einheit wieder einzuführen. Nur leider zeigt sich das Gras als ausgesprochen störrisch, mehr als Stoppelfeld, was eher Fakir-Eigenschaften fordert (für meine Fakir-Vorstellung während der Zirkuswoche in der Schule mochte es ausreichend sein), hier lässt es unser Vorhaben verpuffen.

Wir nutzen einen Tag zu einer Mopedtour quer über die Insel, die noch von wenig Tourismus belästigt wird. Die Straßen sind auch nicht ganz so komfortabel, Schlaglöcher dominieren den Belag – aber wir haben ja Zeit. Kleine Dörfer am Meer wechseln sich ab mit Dschungelpassagen und unser Weg ins Landesinnere führt uns hoch in die Berge und wir können uns wieder nicht satt sehen an dieser schönen Landschaft. Es macht großen Spaß mit den Mopeds über die Insel zu düsen, aber manchmal vermisse ich schon das Radfahren …


Abends genießen wir jedes Mal die vorzügliche Küche, die außergewöhnlich fantasievoll und einfach köstlich ist – ein Kompliment dem jungen Koch, der wohl auch zu den Eigentümern zählt.

Nach fünf Tagen packen wir wieder unsere Rucksäcke. Ein Tricycle bringt uns wieder zur Fähre, die Überfahrt gestaltet sich diesmal noch eine Nummer heftiger, aber auch das überstehen wir. In Dumaguete geht’s direkt zum Flughafen, von wo wir mit Zwischenaufenthalten mit Übernachtungen (um uns den ewigen Stress mit pünktlichen Anschlussflügen zu ersparen) in Manila und Kuala Lumpur schließlich in Kathmandu, unserer ersten Station in Nepal, landen.

Philippinen Teil 2 – Der Norden Palawans und Port Barton

Wie so oft auf dieser Anreise ergeben sich vor Ort wunderbare Lösungen. Wir sind froh, als wir El Nido verlassen und unser Fahrer uns weiter Richtung Norden auf Palawan bringt. Nach ca. einer Stunde erreichen wir die Bootsanlegestelle in Teneguiban. Hier möchte ich den Bootsmann anrufen, der uns abholen soll, denn das Boot ist die einzige Möglichkeit, unser Ziel zu erreichen. Doch ohne Netz kein Anruf. Auch Juli, die Managerin des Plumeria Eco Resorts können wir per Messenger nicht informieren. Plötzlich tauchen zwei Bootsmänner auf, kurzes Gespräch und ja, sie fahren uns rüber.

Ein paar Minuten später schaukeln wir durch die recht hohen Wellen. In dem schmalen Auslegerboot ist nur wenig Platz für uns Drei mitsamt Gepäck. Hinter Frank und Rolf sitzend, halte ich mich an den Seitenwänden fest und schaue starr Richtung Berge. Neben mir zieht der Bootsmann an der Nylonschnur, um Gas zu geben. Sehr geschickt und erfahren manövriert er das Boot durch die Wellen. Außer am Ende, als er das Boot in Richtung Strand zu manövrieren versucht, steht das Boot einen Augenblick quer zu den Wellen. Ich rufe „Rolf, das Boot steht quer!“ die Welle kommt und schaukelt uns von rechts nach links. Die Ausleger hängen dabei recht hoch in der Luft.  Ein Bootsmann springt ins Wasser und schiebt das Boot am Bug herum … geschafft! 

Unsere Unterkunft

In diesem außergewöhnlichen Resort verbringen wir vier entspannte Tage – völlig unplugged – ohne fließendes Wasser, dafür mit Solarstrom, ohne Verbindung nach draußen, kannst du dich mit dir selbst, dem Meer, dem Wind und den Menschen hier verbinden. Mit Eimerduschen kennen wir uns schon gut aus, doch die Trockentoilette ist auch für uns eine neue Erfahrung. Und wie gut das funktioniert, ist schon erstaunlich. Du sitzt wie auf einer Kiste und schüttest Sägespäne nach. Kein Gestank, kein Ekel. Perfekt. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt und das ist gesund und lecker. Wenn die Muschel ertönt versammeln sich alle Gäste an dem großen Tisch, essen gemeinsam und sind in Kontakt. Kein Handy unterbricht diese Kommunikation! In das neue Jahr schlafen wir einfach hinein, da wir es bis 24 Uhr einfach nicht mehr schaffen. Dafür begrüßen wir den neuen Tag mit einem frohen „Happy New Year“. Um die Nachrichten meiner Familie empfangen zu können, verrät mir Julie eine Trick: „Dort draußen im Meer gibt es bei Ebbe eine Stelle, ein ovaler Sandfleck, hinter dem Stein“ und zeigt mit dem Arm in die Richtung. Und tatsächlich laufe ich hinaus und bin zu Tränen gerührt, als ich für einen Moment in Kontakt mit meiner Familie und mit Freunden bin.

Zum Ritual wird der morgendliche Kaffee am Strand mit Blick auf die Brandung und unsere Yoga-Stunde. Im Schatten des schiefen Baumes dehnen Frank, Rolf und ich unsere Körper. Als ich mit Rolf durchs Hinterland an Fischerhütten vorbei gehe, beschenke ich die zwölf Kinder aus zwei Familien mit Kaugummis und Luftballons. Während Rolf die Kinder mit lustigen Spielchen zum Lachen bringt, kann ich einige wunderschöne Fotos ergattern. Hier in dieser abgelegen Region finden wir noch das ursprüngliche und alltägliche Leben der Philippinos, die sich immer offen, neugierig und herzlich zeigen. Mit großen Augen starren uns die Kinder an. Winken und lächeln. Ein Zweijähriger spielt auf dem Boden hockend mit einem Küchenmesser und einem Hammer. Ein Sechsjähriger hält seine Machete fest. Ein Mädchen hat sich mit Mamas Lippenstift geschminkt. Was für freie Kinder und was für eine andere Welt! Plötzlich taucht der Wasserbüffel mit Kindern im Schlepptau an der Kurve auf, trottet an uns allen vorbei. Was für ein Bild! 

Lachen über Rolfs Spässchen …

Da Rolfs Finger trotz der Antibiotika immer noch stark angeschwollen und gerötet sind, ist er in großer Sorge. Zwei muskelbepackte Spanier, die täglich recht isoliert auf der Bettschaukel liegen, spreche ich an. Und siehe da, beide sind Ärzte. Einer tastet die beiden Finger ab und rät ihm zu einer Erhöhung der Dosis von zwei auf drei Tabletten. Und tatsächlich, nach einiger Zeit lässt die Spannung langsam nach. 

Nach 4 wunderbar entspannten Tagen machen wir uns zu dritt wieder auf, zum nächsten Ziel …

Schnorcheltrip in Port Barton 

Zurück in El Nido verbringen Frank und ich die Wartezeit in einem Café, während Rolf die Zeit für einen Besuch im Krankenhaus nutzt und weitere entzündungshemmende Medikamente verschrieben bekommt. Vom Busterminal geht’s mit dem Van nach Port Barton. Die Rucksäcke werden aufs Dach geschnallt und die Reisenden in den Bus gequetscht. Dass es eng im Bus würde, konnten wir uns schon denken. Aber es geht noch enger. Zwischen Rolf und Frank gequetscht, versuche ich meine Beine in der ersten Reihe des Vans irgendwie unterzubringen. Mit weiteren 10 Reisenden ist der Van auch voll. Das letzte Stück Straße ist noch mal Off-Road mit Baustellen. Nach vier Stunden Kurverei erreichen wir Port Barton, das kleine verschlafene Fischerdorf.

Jungs und ihre Spielzeuge …

Am kleine Sandstrand gibt es wenige Unterkünfte, ein paar Touristen und viele Palmen. Kein Vergleich zu El Nido. Unser Bungalow im Ausan Beach-Cottage ist zwar klein, das Bad riecht muffig, aber sonst okay. Dafür sind die Burger im Reef Café die Krönung und dann noch mit Live-Musik einfach gut! Tagsüber kann man hier am Strand prima relaxen, die ein oder andere Bar aufsuchen oder Bootstouren unternehmen. Diese Ruheoase hier lädt zum Entspannen ein und tut uns richtig gut. Das Internet ist wie immer pretty slow, was das Relaxen verstärkt. Rolfs Heilungsprozess macht weiter Fortschritte. Frank ist zur Zeit mein einziger und bester Yoga-Schüler.

Schnorcheln mit Turtles

Wir entscheiden uns für eine private Bootstour, so können wir bestimmen, wohin und wie lange wir auf den Inseln bleiben möchten. Früh um 8 Uhr fahren wir zu Dritt zum Turtle Point. Alleine mit den drei Schildkröten folgen wir Ihnen in Ruhe. Während sie auf dem Meeresboden grasen, filmt Frank sie mit der GoPro. Unfassbar! Begeisterung pur! Die Schildkröten, die sich scheinbar nicht an uns stören, schwimmen zum Atmen kurz nach oben und tauchen wieder ab. Eine Stunde später ist es mit der Ruhe vorbei. Jede Menge Ausflugsboote sind auf der Suche nach den Schildkröten. Da sind wir schon weg. Auf German Island wird unser Mittagessen zubereitet, während wir in Hängematten oder auf Liegen entspannen können. Auch hier ist es fast menschenleer. Unsere Bootsmänner schnitzen Tomaten zu Schwänen, grillen Fisch und Hühnchen. An weiteren Riffen Schnorcheln wir im fast kristallklaren Wasser, entdecken viele kleine und mittelgroße Fische, Muscheln und Korallen … diesmal immer mit Flossen! Ein rundum gelungener Tag und ein Highlight hier auf Palawan. Als private Tour (6000 Pesos) nur zu empfehlen. 

In den nächsten Jahren wird sich Port Barton bestimmt touristisch weiter entwickeln, denn überall wird gebaut, insbesondere der Ausbau der Straßen wird dies vorantreiben. Also, nichts wie hin, wenn ihr das noch so erleben möchtet! 

Nach vier Tagen verabschieden wir uns von Palawan und fliegen nach Dumaguete/Negros. Nach einem letzten gemeinsamen Abend verabschieden wir uns schweren Herzens von Frank, dessen Route nach Bohol führt. Wir haben einige wunderbare Tage mit ihm verbringen können, da wir ziemlich auf der gleichen Wellenlänge waren. Vor allem auch ein großes Dankeschön für die tollen Bilder. Ein Großteil davon auf diesem Blogpost stammt von ihm.

Es waren wunderschöne Tage mit Frank

Philippinen Teil 1 – Bootstour und El Nido

Im 1. Teil unseres Philippinen Beitrags erzählen wir von unserem Start in Manila, der 5-tägigen Bootstour mit Tao Philippines von Coron nach El Nido und den darauf folgenden Tagen in El Nido. Im 2. Teil geht‘s um unsere Flucht aus El Nido ins abgelegene Plumeria-Eco-Resort und unsere Tage in Port Barton. Im letzten Teil erzählen wir von unseren Reisen auf Negros und Siquijor.  

Was für ein krasser Unterschied: von der Stadt der Engel (Bangkok) mit ihren freundlichen und lachenden Menschen und einer gut organisierten Infrastruktur in das Chaos von Manila. Wir landen am späten Nachmittag und versuchen uns durchzukämpfen: Geld und SIM-Karte besorgen, Taxi-Transfer finden … gestresst aussehende Philippinos laufen kreuz und quer, jeder versucht einen Transfer zu ergattern, Polizisten regeln das Chaos vor dem Flughafen. Ein Freund von uns hat hier drei Stunden auf ein Taxi gewartet … Grüße an Frank! Der Verkehrskollaps ist allgegenwärtig. Scheinbar kommt kaum jemand hier weder rein noch raus. Unseren Fahrer finden wir natürlich nicht, wie auch? Mit meinem Telefonguthaben kann ich auch endlich in der Unterkunft Jorivim Apartelle anrufen. In den schwer verständlichen Telefonaten erklärt sie uns, wo wir uns hinbewegen sollen – nach weiteren 15 Minuten auf Irrwegen finden wir uns. Im Stopp and Go geht es dann die 5 km in über 45 Minuten zu unserem abgeranzten Hotel. Was für eine Schmuddelbude! Die Bilder bei Booking.com entsprechen in keinster Weise der Realität und den Reviews auf der Seite kannst du auch nicht trauen – auch das haben wir in den Monaten lernen müssen. Nur eine Nacht, dann nichts wie weg.

Dass Bangkok über 9 Millionen und Manila nur 1,8 Millionen Einwohner hat, wundert uns. Zählt man jedoch den Großraum Manila dazu, sind es über 12 Millionen, von denen die Hälfte ins Slums lebt. Die Megacity Manila ist wegen der allgegenwärtigen Smog-Glocke, die insbesondere durch die bunten Jeepneys verursacht wird, nur etwas für Hartgesottene mit viel Zeit und Geduld.

Nach einem kurzen Flug nach Coron/Busuanga bereiten wir uns auf die lang ersehnte Bootstour nach El Nido mit Tao Philippines vor. Von Tao Philippines hatten wir bereits das wohl beste Werbevideo gesehen. Fünf Tage auf dem Boot von Coron nach El Nido, umgeben von kristallklarem Wasser, netten Menschen, wunderschöner Unterwasserwelt, frischem Fisch und fernab der Zivilisation, hörte sich für uns verlockend an. 

Coron selbst hat außer jede Menge Tricycles in einer lauten, schmuddeligen Stadt mit überteuerten Restaurants nicht viel zu bieten. Wer besonders schöne Strände sucht, muss schon eine Bootstour unternehmen. Unsere Unterkunft Princess of Coron ist auch schon reichlich in die Jahre gekommen. Da können die vielen bunten Kacheln a la Hundertwasser auch nicht drüber hinwegtäuschen. Nur der Pool mit dem Garten gewährt ein paar Ruhepausen.

Dunkle Wolken über der Expedition mit Tao Philippines von Coron nach El Nido

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, über diese fünf Tage zu schreiben. Die kurze Version ist, dass wir diese Tage damit verbracht haben, mit einer fantastischen Crew und einem Haufen Mittdreißiger durch abgelegene Inseln zu segeln, köstlich frisches Essen zu genießen und an den schönsten Stränden fernab vom Tourismus zu schlafen. Es gibt keine bessere Möglichkeit, die philippinische Inselwelt zu erkunden. Doch nun noch etwas ausführlicher: 

Das Briefing in Coron

Wir sind sehr gespannt auf das Briefing am Tag vor Heiligabend. Was sind das wohl für Leute, mit denen wir 5 Tage auf dem Boot verbringen werden? Wie ist die Crew? Wie wird der Ablauf sein? Viele Fragen in unseren Köpfen. Die Gruppe ist bunt gemischt, einige Backpacker-Pärchen. Ein griechisches und maltesisches Paar, ein australisches und ein deutsches Paar, ein französisches Frauenpaar, drei Engländerinnen aus London,  Alleinreisende aus Belgien, Holland, Frankreich, drei SpanierInnen. Sehr unterschiedlich, viele mit Rucksack, manche mit Rollkoffer, einige frisch und noch weißhäutig aus Europa eingeflogen. Doch alle haben eines gemeinsam: Die Lust auf Abenteuer.

Die Geschichte zu Tao Philippines

Tao ist Tagalog und bedeutet „Mensch“. Tao Philippines 2006 wurde von dem Briten Jack und dem Philippino Eddie gegründet. Sie erkundeten aus reiner Neugier mit einem Fischerboot die Inselwelt zwischen Palawan und Busuanga. Nach und nach nahmen sie immer mehr Leute mit. Die Nachfrage stieg weiter an und die Segelboote waren monatelang ausverkauft. Daraus entwickelte sich ein Eco-Tourismus-Projekt, bei der Nachhaltigkeit und Unterstützung der lokalen Bevölkerung im Vordergrund steht. Sie unterstützen mit ihren Einnahmen die lokale Bevölkerung beim Bau von Schulen, Kindergärten und bei der medizinischen Versorgung. Nach dem Taifun „Hayan“ konnten Sie den Lokals beim Wiederaufbau unterstützen.

„This is not a tour. This is a journey, off the touristisch routes, away from the crowd to the playground of hundreds of undeveloped tropical islands. This is not for everyone.“

Mit diesem Leitspruch von Tao steigen wir am nächsten Morgen aufgeregt auf unser Ausleger-Boot „Emerson 7“. Die großen Rucksäcke kommen unters Deck, Wertsachen werden eingeschlossen und die Dry-Bags legen wir unter den Tisch auf Deck. Nach einem Begrüßungs-Dchungel-Drink beschnuppern wir uns gegenseitig. Mit Nandy und Birte aus Melbourne, mit Nena aus Belgien und mit den beiden Deutschen quatschen wir auf dem Sonnendeck, wo dünne Auflagen ausliegen. Die drei Engländerinnen cremen sich ihre Haut unentwegt ein, während sie in der Sonne liegen. Die beiden Pärchen aus Malta und Griechenland lernen wir noch näher kennen. Die Griechin ist Ärztin. Rolf wird später noch dankbar ihren Rat in Anspruch nehmen. Das Boot ist gerade groß genug, dass sich alle 22 Leute zwischen Bug und Deck gut verteilen. Trinkwasser kann jederzeit nachgefüllt werden. Zur Ausstattung gehört eine Außendusche und Toiletten, die möglichst nur während der Fahrt benutzt werden sollen – Abwassertanks sind hier nicht so geläufigig. Zum Meeting bläst unser Guide dreimal in die große Muschel. 

Das köstliche Essen

Eins vorneweg: Wir sind immer satt geworden! Das Essen wird an Board und an Land frisch zubereitet, ist organisch auf der hauseigenen Farm angebaut. Am ersten Abend wird sogar ein Spanferkel gegrillt. Schließlich ist ja „Merry Christmas“. Die Crew gibt sich jede Mühe, ein köstliches Essen zu zaubern – für philippinische Verhältnisse sehr schmackhaft. Fast täglich gibt es gegrillten Fisch, frische Salate, Reis und Gemüse. Dschungel-Drink, kaltes Bier und Softdrinks dürfen nicht fehlen. Zum Frühstück brät die Crew Eier oder Banana Blossom-Fritters, immer mit frischen Früchten. Für das letzte Frühstück auf Cadlao Island schlagen sie sogar frische Kokosnüsse auf, füllen den Saft in Gläser. Die Früchte und das Porrige kann dann jeder selbst in seine Kokosnuss füllen. Trinkwasser, heißer Kaffee und Tee stehen jederzeit zur Verfügung. 

Übernachtung in den Tao-Base-Camps

In den Camps übernachten wir in den typischen Tao-Hütten, eine Art Schutzhütte/Shelter, aus Naturmaterialien gebaut – mit Ausnahme der Angelschnur, mit der Bambusstangen befestigt werden. Die Hütte ist mehr ein Dach mit einem Boden aus Bambus, vorne und hinten gibt es einen Vorhang, Matratzen und Kopfkissen liegen bereit. Jeden Abend bekommen wir unseren Stoffbeutel mit Laken, Kissenbezug und Moskitonetz. Ursprünglich. Natürlich. Einfach. Die Open-Air-Eimer-Duschen sind effektiv, aber kalt. Zumal wir so spät an den Base-Camps anlegen, dass sich alle zur Dusche drängeln. Ohne Strom und Internet, ohne fließend Wasser und „richtiger“ Toilette ist das ein Naturerlebnis der besonderen Art – die komplette Freiheit. Wie einfach das Leben sein kann! Die paradiesischen Inseln zwischen Busuanga und Palawan strotzen vor grüner Natur, Karststeinbergen hinter kleinen Buchten, türkisfarbenen Meer, Palmen und Kokosnüssen und freundlichen, lachenden Philippinos, die in kleinen Dorfgemeinschaften die ein oder andere Insel bewohnen.     

Die Crew und die Organisation durch Tao

Die Crew kümmert sich fürsorglich um jedes Anliegen. Auf den drei Kajaks transportieren sie jedes Mal unsere Sachen an Land. Wenn du nicht schwimmen magst, nehmen sie dich ebenso mit. Beim Schnorcheln ist immer jemand von den Jungs um uns herum, was ein sicheres Gefühl vermittelt. Auch um die Tauchmasken und Schnorchel zum Ausleihen kümmern sie sich gut. Eigenes Equipment wird mit Klebeband und Namen versehen. Die Crew ist stets aufmerksam und freundlich, zu Späßen aufgelegt, professionell und sehr fleißig. Sie kümmern sich um die Betten und Moskitonetze in den Hütten, helfen beim Abbauen und beim Transportieren. 

Die Rückgabe der Armband-Chips, über die die Getränke an Board bezahlt werden, und des zu viel aufgeladenen Geldes klappt genauso hervorragend wie die vorherige Kommunikation per E-Mail, die Organisation an Board und in den Camps.

Ein typischer Tagesablauf

Ja, wir müssen nachts auf die Toilette … mit Stirnlampe finden wir auch den Weg. Rolf und ich gehen oft zusammen – da fühl ich mich sicherer. Am Morgen wachen wir in unser Hütte auf, hören das Rauschen der Wellen und einige Hähne krähen. Die  Thermoskannen stehen schon früh bereit, so dass wir uns einen Kaffee bereiten, an den Strand setzen und die Stille genießen. Das üppige Frühstück wird als Buffet dargeboten. An einem großen Tisch, der oft auch unter einem riesigen Bambusdach steht, essen wir mit der Gruppe.

Nach dem Einpacken unserer Sachen ziehen wir das Bettzeug ab, entfernen das Moskitonetz und schwimmen zum Boot. Manchmal werden wir auch im Kanu mitgenommen. 

Tagsüber schippern wir an traumhaften Inseln vorbei, steuern einige Inseln an, auf denen zum Teil auch Tao-Base-Camps sind. Dort können wir schwimmen, schnorcheln, spielen und relaxen, auch in den Tao-Hütten. Wir schnorcheln über traumhaft bunt leuchtende Korallengärten und erfreuen uns an den Lebewesen im Wasser. Wir essen frische Kokosnüsse, die uns die Crew von den Palmen holt. Einfach paradiesisch. Manche Camps werden von Einheimischen gepflegt, die nebenan in ihren Hütten leben, so dass wir auch immer wieder in Kontakt mit ihnen kommen. Die Crew bereitet mittags das Essen an Board und an Land zu. Sie grillen den Fisch und Gemüse, schnibbeln leckere Salate. Wir essen alle gemeinsam an einem großen Tisch. Die Getränke hat die Crew ebenfalls an Land geschafft.

Bevor es dunkel wird erreichen wir das Base-Camp. Wir schwimmen wieder an Land. Während die Crew die Betten herrichtet, stellen wir uns zum Duschen an. Nach dem Essen ist noch ausreichend Zeit für Lagerfeuer, Begegnungen und Entdeckungen. Am Lagerfeuer erzählen wir uns unsere Lebensgeschichten und trinken unseren Dschungel-Drink (philippinischer Rum mit Saft). So nach und nach werden wir eine Gruppengemeinschaft. Wir lieben es, Menschen Spitznamen zu geben, die etwas mit ihrem Aussehen oder ihrem Verhalten zu tun haben. Beispielsweise Mr. Geht-zum-Lachen-in-den-Keller oder Mrs. Titty … mehr kann ich hier nicht verraten. Rolf hat Mr. Drohne schon auf dem Kicker, da diese Dinger einfach nur nervig sind (selbst wenn sie spektakuläre Bilder liefern), wenn du schon am frühen Morgen denkst, dass dir ein Bienenschwarm durchs Zimmer schwirrt. Wir erfreuen uns an der grandiosen Natur, den menschenleeren Stränden, den Karststeinbergen, dem türkisblaue Meer, dem Sternenhimmel, der so klar und nah scheint.

Der Unfall

Am zweiten Tag passiert es. Nach dem Schnorcheln  – ohne Flossen – kommt Rolf mit blutenden Wunden an Board. Mit der großen Zehe und dem Schienbein hat er Korallen berührt. Ich reiße die Augen auf, kann es nicht glauben. Wie soll das die nächsten Tage noch werden, wo diese Wunden doch so langsam heilen? Warum nur zieht er keine Flossen an?Ich nehme Rolf in den Arm, bleibe bei ihm. Die Jungs von der Crew versorgen seine Wunden. Rolfs Stimmung sinkt in den Keller. Er weiß aus Erfahrung, was das bedeutet. Seiner Erinnerung an die Intensivstation der Uniklinik nach einem Thailandaufenthalt sind immer präsent.

Als wir am nächsten Tag nach der Übernachtung an Land zurück aufs Schiff wollen, passiert noch etwas Schreckliches. Ich biete Rolf den Platz im Kanu an, er will aber zurück schwimmen – ohne Tauchmaske. Ich rufe ihm noch zu „Pass auf, da sind die Korallen“, doch da ist es schon zu spät. Er fasst mit der linken Hand in einen besonders großen und giftigen Meeresbewohner – einem Diadem-Seeigel, berührt sie auch mit dem Oberschenkel. Als ich an Board gehe, weiß ich noch von nichts davon. Ich gehe zu ihm an die Leiter und sehe erst hier, was passiert ist. Unzählige schwarze Punkte (wir zählen später ca. 80 Stiche) bedecken seine Handinnenfläche und den Oberschenkel – das Blut fließt. Wir setzen uns, denn er hat unvorstellbare Schmerzen. Dodo holt immer wieder heißes Wasser, in das er seine Hand taucht. Auf das Bein legt er ein Shirt, das er in heißes Wasser getaucht hat. Rolf zittert vor Schmerzen, legt sich hin. Ich bleibe bei ihm, halte ihn fest, sehe ihn so furchtbar leiden und bekomme Angst, da wir so weit abgelegen mitten in der philippinischen See keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Wie soll das bloß werden? Die 4 Nächte und 5 Tage erscheinen mir immer mehr zu lang. Heute am 3. Tag passiert so ein Unfall. Wie soll Rolf die nächsten beiden Tage überstehen? Manches Mal möchte ich nur noch Schreien … muss aber jetzt besser die Nerven behalten. Ich wechsele das Wasser, sitze wie erstarrt bei ihm. Die Hand schwillt weiter an. Die Kuppe des Ringfingers verfärbt sich schwarz, die Haut spannt wie ein Ballon. Rolf ist fix und fertig. Ich bin ratlos und traurig darüber, dass diese Tour nun so endet. Die griechische Ärztin empfiehlt ihm, in El Nido Antibiotika zu besorgen. Noch 2 Tage. Das dauert mir zulange! 

Rückblick

Die Tao-Expedition war trotz Allem eines der Highlights dieser Reise, die uns immer in Erinnerung bleiben wird. Fern vom Massentourismus kann man die einzelnen Orte wirklich genießen. Wenn Rolf sich nicht verletzt hätte, hätten wir es mit Sicherheit mehr Freude an dieser Tour gehabt. Verbesserungswürdig finde ich das späte Ankommen gegen 17 Uhr an den Base-Camps. Der Run auf die zwei Duschen bewirkt lange Warteschlangen und die Haare, Handtücher usw. können nicht mehr trocknen. Der Trip war nicht günstig, dennoch eine unglaubliche Erfahrung. 

Uns hätten auch drei Tage ausgereicht, da sich das Programm doch wiederholt. Die schönsten Insel kommen gegen Ende, was eine gute Wahl der Richtung von Coron nach El Nido war. Zudem waren unsere Sachen ab dem 3. Tag nass und begannen zu stinken. Auch, dass einige Frauen krank wurden – wahrscheinlich wegen der langen nassen Haare und dem ständigen nass sein – hätte man verhindern können. Ich war froh, dass ich die Kaugummis „Superpep“ gegen Seekrankheit dabei hatte, denn sie halfen mir mehrere Male die Übelkeit loszuwerden. 

Ein großes Danke an die Crew für dieses unvergessliche Weihnachten 2018! Ein förderungswürdiges Projekt, keine Frage! 

Diese Tour ist perfekt für Leute, die in der Natur sein und die aktiv mit machen wollen, nichts für All-Inclusive-Urlauber (obwohl auch hier Alles „inclusive“ ist). Dies ist eine Expedition, keine Schnapskreuzfahrt, aber auch kein Yoga-Retreat. 

Enttäuschung und Taifun in El Nido

Palawan und insbesondere El Nido haben uns 2012 so gut gefallen, dass wir nun noch einmal hier sind. El Nido war damals ein überschaubares Dorf in einer schönen Bucht, umgeben von Karstbergen. Da wir im Sommer hier waren, wirkte es ruhig und entspannt. Die Bootstour damals ins Bacuit-Archipel übertraf alle bisherigen. Hier wollten wir im Art Café bei Live-Musik Silvester feiern. Das stellten wir uns total schön vor. Unsere Vorfreude auf El Nido war so groß, dass wir sechs Nächte im Sea N Jungle gebucht haben. Doch dann trifft uns der Schlag. Was für eine Enttäuschung! 

Als wir mit dem Boot in die Bucht einlaufen, sind wir noch so gespannt, versuchen etwas wieder zu erkennen. Unser Bungalow an der Nordseite auf dem Berg hat zwar eine schönen Ausblick auf die gesamte Bucht, doch die über 200 steilen Stufen dahin, der muffige Geruch, die kalte Dusche und die ein oder anderen Mängel wiegen das nicht auf. Richtig schön ist es jedenfalls nicht. Der Regen verstärkt den schmuddeligen Eindruck – wir wollen so schnell wie möglich hier weg!  Mit Frank aus Köln überlegen wir weitere Strategien. Klar ist eins: nur noch weg aus El Nido! Ach, wie gut das tut, einen Freund aus der Heimat zu treffen, sich Mal auszutauschen und auch auszukotzen. Auf Reisen ist es nicht immer bloß  paradiesisch. Trotz holprigem Internet recherchieren wir zu Dritt wie verrückt. Nicht so einfach kurz vor Silvester.

Frank, einem Freund aus Köln, mit dem wir uns hier verabredet haben, findet das Plumeria Eco Resort im Nordosten Palawans, nur per Boot zu erreichen. Das ist es! Am liebsten möchten wir am nächsten Tag  abhauen, doch zum Glück muss die Wäsche noch abgeholt werden, so dass wir erst übermorgen, am letzten Tag des Jahres loskönnen.

Als der Taifun dann in der Nacht über El Nido hereinbricht, sind wir zwar abgeschnitten oben auf dem Berg, jedoch auch froh, nicht weiterfahren zu müssen. Der Taifun wütet über den Nordwesten der Philippinen, macht zahlreiche Menschen obdachlos und bringt einigen den Tod. Bei prasselnden Regen auf dem Wellblechdach, kein Essen, nur Kaffee und Tee harren wir aus und beten bis zum späten Nachmittag. Das Wasser strömt den Berg hinunter, El Nido ist überflutet, an vier Stellen regnet es bei uns hinein. Mit Eimern und Handtüchern behelfen wir uns. Noch nie habe ich so etwas erlebt. Rolf wird als erster ungeduldig und zieht los. Mit den Angestellten versuche ich zu verhandeln, da wir 4 Nächte früher abreisen. Doch keine Chance! Als ich versuche mit dem Tricycle durch El Nido zufahren, weigert sich der Fahrer durch das knietiefe Wasser zu fahren. Da ich auch nicht durch diese braune Brühe laufen möchte, fordere ich ihn auf, einfach durchzufahren. Das Wasser läuft sogar in den Beiwagen hinein. Überall braunes Wasser. Eine Frau stürzt und fällt in diese Drecksbrühe. Wie ekelig! In der nächsten Nacht schüttet der Taifun ein letztes Mal den Regen über El Nido, dann klärt es am Morgen auf. Endlich!

Wir können weiterziehen …