Archiv des Autors: Eve und Rolf

Ein langes Wochenende in Lissabon

ein Beitrag von Eve und Rolf

Freitag, 13.01.2017

Bis zur Handgepäckkontrolle war alles gut. Doch dann ging’s auch schon los: Als erstes musste ich einen halben Liter Wasser aus meiner neuen faltbaren Flasche so schnell es ging austrinken. Dabei  hatte ich sie am Morgen doch extra noch gefüllt, damit ich am Flughafen meine neue Flasche ausprobieren kann. Rolf schaute mich genervt an. Doch dann entdeckte der Scanner auch noch mein Taschenmesser. Oh Schreck … war es doch in meiner Tasche? Ich wusste es nicht … ich fand es auch erst nicht und dann gab es nur zwei Möglichkeiten: wegwerfen oder ins Fundbüro bringen. Rolfs Blick war eindeutig, zumal er mich kurz vorher noch daran erinnert hatte, kein Taschenmesser im Handgepäck mitzunehmen. Ich entschied mich für Letzteres und lief zurück, drei Etagen nach unten ans andere Ende. Zum Glück kann ich die 5€ auch noch beim Abholen bezahlen!

Cosy Penthouse 6. Stock, unsere Unterkunft

Nach den paar Aufregungen am Flughafen in Köln kamen wir bei strahlend blauem Himmel in Lissabon an. Wie warm es hier ist! Unglaublich – hatten wir doch Köln bei Minusgraden und Schnee verlassen.

Unsere AirBnB-Unterkunft Cosy Penthouse, zentral im Stadtteil Lapa gelegen, ausgestattet mit einer Dachterrasse mit einem Rundumblick auf Lissabon, insgesamt 4 WG-Zimmern, d.h. gemeinsame Toilette, Dusche, Küche, Balkon. Auch unser Zimmerchen ist winzig – nur ein Bett und ein schmaler Gang – kein Haken, kein Regal o.Ä., nix … Dafür haben wir einen Blick von unseren hoch gebautem Bett auf Lissabon mit einem Balkönchen.

Der Blick von unserer Dachterrasse am frühen Morgen

Unsere erste Entdeckungstour beginnt mit einer Schwarzfahrt (nix für Rolf)  in der berühmten E28 Richtung Baixo Alto. Das „E“ bei der 28E steht für Eléctrico. Sie ist ca. 100 Jahre alt und rumpelt hier die Berge rauf und runter, durch sehr enge Gassen und vermittelt einem wieder das Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein. Rolf kann sie ganz und gar nicht genießen und erkundigt sich bei seiner Sitznachbarin nach den Möglichkeiten einen Fahrschein zu kaufen. Nun wissen wir fast Bescheid – nur in den Metrostationen kann man die Karte aufladen.

die Aussichtsplattform vom Lift Elevador de Santa Justa

Von der Metrostation Baixa-Chiado geht’s weiter durch den Stadtteil Bairro Alto und entdecken die Aussichtsplattform vom Lift Elevador de Santa Justa. Von hier oben haben wir  einen besonders guten Blick auf den Rossio Platz. Dieser freistehende Lift aus Gusseisen verbindet die Unterstadt Baixa mit der Oberstadt Chiado und dem Bairro Alto. In der Kabine wird man in eine andere Zeit versetzt. In der Hauptsaison muss die Warteschlange zigmal länger sein. Oben angekommen hat man einen wunderbaren Rundumblick auf Lissabon.

Fahrt mit der 28E

Abendesssen im Ausgehviertel Bairro Alto steht an … Es gibt in diesem Viertel eine Unmenge von Restaurants und Bars. Einfach vom Largo de Camoes die Rua do Norte hochgehen und schon wird man fündig. Im Vorfeld hatten wir auf den einschlägigen Reiseblogs nach möglichen Restaurants für unsere drei Abende hier gesucht, die unseren Vorstellungen entsprechen – angelehnt an die Slowfood-Bewegung. Wie sich herausstellen sollte, hatten wir eine gute Wahl getroffen. Ziel unseres ersten Abends war das Restaurante Cantinho do Bem Estar, das wir ohne Google-Maps (unser ständiger Begleiter) nie gefunden hätten. So unscheinbar und von außen kaum zu erkennen ist es, winzig klein und die Tür muss offen bleiben, da ansonsten der Küchenqualm uns ersticken würde – aber es gab köstlichen Fisch, der dazu noch in reichlich Vinho Verde schwamm.

Restaurante Cantinho do Bem Estar

Samstag, 14.01.2017

Heute steht eine Free Walking Tour an. Doch vorher frühstücken wir direkt am Treffpunkt Largo de Camoes  in einer Pasteleria. Diese ca. 2,5 Stunden dauernde Tour bezahlt man je nach Gusto. Sie vermittelt einen guten historischen Überblick und viele Eindrücke von der Stadt. Unser Guide ist sehr engagiert, spricht zwar sehr schnell, dennoch können wir Einiges verstehen.

Nach dem ganzen kulturellen und historischen Input fehlt uns der kulinarische Input. Dazu besuchen wir in Hafennähe den Time Out Market, eine Markthalle nicht im klassischen Sinne, sondern eine riesige Halle, an deren Rändern jede Menge Streetfoodstände installiert sind (erinnert mich an die Streetfood-Festivals im „Jack-In-The-Box“ in Köln, wo man sich die Portionen kaufen und an den vielen Tischen und Bänken im Inneren der Halle genießen kann. Trotz der Nebensaison ist die Halle rappelvoll – kein Wunder bei dem Angebot aus allen Bereichen, perfekt kombiniert, eine Art Fusion-Food. Rolfs ​ „Niguiri de sardinha assada com flor de sal“ begeistert nicht nur durch den Namen. Da Abends wieder ein Restaurantbesuch ansteht, bleibt’s bei kleineren Häppchen.

Time Out Market

Eves To-Do-Liste (genial organisiert) führt uns zum Castelo de Sao Jorge. Wie viele Wege nutzen wir auch hier wieder die 28E, von der wir nie genug bekommen können.

Die anschließende Zeit nutzen wir zum Relaxen, um den abendlichen Programmpunkt wieder ins Visier zu nehmen: das Abendessen im Restaurante Zapata, auch das hätten wir ohne unsere Vorausplanung nie gefunden. Wieder so einfaches Restaurant, kaum als solches erkennbar, mit einfachster Einrichtung, vielen Einheimischen und köstlichem Local Food – wir sind begeistert.

Sonntag, 15.01.2017

Am Vormittag zieht es uns zur LX Factory, ein in die Jahre gekommener Industriekomplex auf halbem Weg zwischen der Innenstadt und Belém. In den Gebäuden der ehemaligen Textilfabrik haben sich Werbeagenturen, Design- und Fotostudios, Bars, Restaurants und kleine Geschäfte angesiedelt. Eine Insel der Kreativität mit  zahlreichen großflächigen Graffitis ist hier entstanden. Der morbide Charme der alten Industriegebäude machen es zu einem angesagten Treffpunkt für Einheimische und Besucher. Wir schlendern über den Flohmarkt, probieren hier und da Käse und andere Köstlichkeiten. Ein Armband mit portugiesischem „Kachelmuster“ hat es uns angetan. Wir kaufen uns beide eins.

Zur Besichtigung des Stadtteils Belem fahren wir mit dem Bus bis zur Haltestelle am Weltkulturerbe Mosteiro dos Jerónimos mit den Grabstätten von Seefahrer Vasco da Gama und Dichter Fernando Pessoa. Berühmt ist Belem aber auch für das Original Pastéis de Belém, ein kleines Cremetörtchen. Doch an der angesagten Confeitaría de Belém, ist uns die Schlange zu lang. Jeden Zweiten sieht man hier mit einer Einkaufstüte der Confeitaría rumlaufen.

Padrão dos Descobrimentos

Auf dem Weg zum Wehrturm laufen wir bei strahlendem Sonnenschein am Ufer des Tejo entlang. Unsere warmen Pullis haben wir wieder ausgezogen, so warm kann es im Januar sein! Als wir wegen des Hafenbeckens doch nicht bis ganz an den Turm gehen können, beschließen wir umzukehren, um nach Alfama zu gelangen. Da im Zug kein Automat zum Entwerten ist, fahren wir versehentlich wieder ohne gültigen Fahrschein. Rolf (der Antischwarzfahrer) leidet und denkt über alle möglichen Varianten nach, die eintreten könnten. Und tatsächlich … beim Rausgehen kommen wir ohne gültigen Fahrausweis nicht durch die Sperre. Nur durch die Hilfe von Einheimischen, die uns entweder fast Huckepack bzw. auf’n Arm nehmen, gelangen wir raus. Rolfs hat’s die Nerven und mir den Ellbogen malträtiert …

Mit unserer geliebten 28E geht’s weiter. In Alfama ruckelt sie die steilen Berge hinauf und die Gassen werden immer enger, trotzdem kommen uns immer mal wieder Fahrzeuge entgegen, die nun das Problem haben, rückwärts die steile und enge Gasse zu meistern, was für manche Autofahrer doch ein größeres Problem darstellt. Wir kommen zwar nicht schnell vorwärts, werden aber bestens unterhalten. Auf der Suche nach dem  Miradouro da Graça verlaufen wir uns, landen an einer Baustelle, an der es nicht weitergeht und uns auch Google Maps nicht mehr hilft und wollen schon aufgeben, aber ich bleibe hartnäckig. Wir werden mit einer wunderbaren Aussicht belohnt und genießen den Sonnenuntergang mit ein paar Cervejas.

Blick von der Miradouro da Graça

Auf dem Rückweg bummeln wir durch Alfama, der Stadtteil, der das Erdbeben 1755 heil überstanden hat. Dadurch hat dieser alte Stadtteil mit seinen verwinkelten Gassen sein ganz eigenes, ursprüngliches Flair erhalten. Dort haben wir uns auch das Restaurant für den letzten Abend ausgesucht, das Santo Antònio de Alfama. Unsere Begeisterung wurde nur durch unser Gefühl, es etwas überteuert hier zu finden, getrübt.

Am nächsten Morgen bleibt uns nur noch ein letztes leckeres Frühstück inkl. den köstlichen Pastéis de Nata, die wir vermissen werden, bevor uns der Flieger ins kalte Köln zurückbringt …

Aus Camping wird Glamping

Nach diesen vier wunderbaren Tagen auf Eco Gecko’s Mini Autokamp bei Buje verlassen wir diesen schönsten Campingplatz unserer Reise Richtung Küste. Poreč ist unser Ziel. Die fast 400 Höhenmeter verteilen sich auf 50 km, so dass ich die Steigung wohl schaffen werde. Das nahegelegene 4 km entfernte Künstlerörtchen „Groznjan“ entpuppt sich als so bezaubernd, dass wir uns fragen, warum wir nicht schon vorher mal hierhergefahren sind. Groznjan wirkt so ursprünglich, dass man denken könnte, hier ist alles so wie vor vielen hundert Jahren. Kleine Galerien reihen sich an Schmuck- und Kleiderläden, kleine Bars und Restaurants verstecken sich in gemütlichen Ecken mit Blick über das grüne Kroatien bis zum Meer. img_4953.jpgimg_4942.jpgSchweren Herzens verlassen wir nach zwei Cappus dieses traumhafte Örtchen und rütteln uns den steilen Serpentinenschotterweg nach unten bis die Handgelenke schmerzen. Die Sonne knallt unbarmherzig und eine dicke Staubschicht legt sich auf uns und die Räder. Von entspannter Bergabfahrt kann wirklich keine Rede sein. Als wäre es nicht schon genug, kommen uns auch noch alle paar Meter Autos auf dieser einspurigen Straße entgegen. Kaum unten angekommen, überqueren wir die Mirna und zack geht es wieder bergauf (zum Glück auf Asphalt). Ich schaue auf die Uhr … 12:30 Uhr … denke „Oh man, das wird heiß“. Wenn die Büsche von rechts ab und zu Schatten werfen, freue ich mich, doch nach der nächsten Kurve, ist der Schatten leider auf der anderen Seite und wir sind der Sonne ausgesetzt. So wechselt das Schattenspiel. Im kleinsten Gang bei vollem Gepäck kurbele ich mich mit ca. 5-6 km/h weiter nach oben, rufe ca. 3mal „Pause“, atme, wische Schweiß aus meinem Gesicht, trinke, trinke und trinke bis ich den Flüssigkeitsverlust wieder reingeholt habe. Pinkeln muss frau dann nicht, auch praktisch. Nach ca. 1,5 Std. Ackerei erreichen wir –  ich mit brennenden Oberschenkeln und roter Birne – Vizinada. Geschafft! Ab hier kann’s nur leichter werden. img_5644.jpgimg_4957.jpgSogar eine Bar gibt es auf der Bergkuppe. Mit 4 Bitter Lemon und dicken Paninis füllen wir unsere Energiespeicher wieder auf und los geht’s über die kleinen Landstraßen, durch Waldstücke, durch die Weinberge und durch alte Dörfchen mit traumhaftem Panorama bis zum Meer. Im Hafen von Poreč gönnen wir uns schon ein Bier – was wir später bereuen – und sind stolz auf unsere Leistung heute. Leider kommen noch einige kleine Anstiege durch den Pinienwald an der Lagune entlang, mit denen wir nicht mehr gerechnet hatten. Mit Bier in den Beinen fällt es uns schwerer, zumal der Campingplatz nicht gut zu finden ist und wir noch einige Wege doppelt fahren mussten. img_5666.jpgEndlich erreichen wir Camping Polidor. Ein „kleinerer“ Platz hier in dieser Gegend, wo es fast nur megagroße Plätze gibt, mit Einfahrten, die aussehen wie Grenzübergange. Die 38€ pro Nacht bringen den Platz an die Preisspitze unserer Plätze. Wir fragen uns, wozu? Doch als wir das Waschhaus sehen, das sehr neu erscheint und sehr luxuriös gestaltet ist, wissen wir, wohin das Geld u.A. fließt. Aber völlig unnötig! Wir fragen uns, ob es noch die normalen Campingplätze wie früher gibt … ob der Luxus dazu führt, dass mehr Menschen Camping bzw. Glamping (setzt sich zusammen aus Glamour und Camping) machen? Als Rolf zur Rezeption geht, um uns anzumelden, bringt mir ein kleines holländisches Mädchen von gegenüber eine kalte Flasche Wasser. Ich bedanke mich bei dem Papa und er äußert seine Anerkennung und Bewunderung für diese Tour. Das hören wir gerne! Rolf kocht wieder unsere Lieblingspasta und wir essen so viel wir können.

Leider macht uns das Wetter wieder einen Strich durch unsere Planung. Wir wollten nach 2 Nächten von Poreč mit dem Ausflugsschiff nach Rovinj fahren, um von dort unsere Rückreise per Schiff nach Triest anzutreten. Doch Wind und Regen verhindern, dass das Schiff ausläuft und so müssen wir 3 Nächte auf diesem viel zu lauten Campingplatz verbringen. Hinter uns die Straße, nachts bis in die frühen Morgenstunden laute Discomusik usw.

In solchen Fällen lässt Rolf es sich nicht nehmen, im Internet eine Kritik auf der entsprechenden Seite zu veröffentlichen. Prompt wird er am nächsten Tag beim Bezahlen von der Leitung darauf angesprochen, dass er bisher der Einzige sei, der solch eine negative Kritik äußerst und man es überhaupt gar nicht verstehen könne. Er versucht es Ihnen zu erklären – ohne Erfolg –  und lässt mal wieder eine Frau „frustiert“ zurück …

Durch das kroatische Outback

Mittlerweile mögen wir so gerne ohne Außenzelt schlafen, es ist luftiger, da unser Innenzelt fast komplett luftdurchlässig, dadurch aber auch komplett einsehbar ist, was uns aber nicht stört – also fast wie unter freiem Himmel …
img_5569.jpgRolf besorgt im Mini-Markt alles, was wir zum Frühstück brauchen und da wir heute einen Wasch- und Ruhetag eingeplant haben, kümmere ich mich um die Wäsche. Wir liegen noch nicht lange Zeit am Pool, schon hören wir das Grollen und Donnern, dann der erste Tropfen und los geht’s (oje … unser schutzloses Zelt ….), Sachen einpacken und schnell zum Zelt, Außenzelt drüber, Wäsche abhängen und ins Zelt werfen, Packtaschen schließen (die Tatsache, dass wir ein eingespieltes Team sind, hilft uns in diesen Situationen) und uns unter den Baum stellen, denn jetzt prasselt der Regen monsunartig. Kühler Wind vertreibt die Hitze und lässt mich frieren. Die französische Familie flüchtet in ihr Auto und bietet uns Platz darin an. Wir verneinen und bleiben unter unserem Baum. Die nächste Regenpause kommt schon bald und so radeln wir zur Bar, um dort bei einem Bierchen weiter zu lesen. Auch bei unserem 2. Poolgang dauert es nicht lange, bis das nächste Gewitter anrollt. Und wieder einpacken, zurücklaufen usw. img_5574.jpgIrgendwann war der Zeitpunkt für’s Abendprogramm gekommen. Essen zu gehen war kurz eine Überlegung wert, doch dann einigten wir uns auf die Fortsetzung unseres Pasta-Marathons. Mangels Olivenöl ohne Salat. Schade! Doch in dem Restaurant gibt es doch so viele Ölflaschen … das wird doch wohl möglich sein, nur eine einzige zu entwenden, fällt doch eh nicht auf. Während wir zwei „Mezzo“ Vino Bianco trinken, inspiziere ich beim Toilettengang die Lage. Rechts vom Eingang stehen auf einem Tisch mehrere Ölflaschen. Eine davon wird es sein! Mit Rolfs Rucksack bewaffnet, stelle ich mich genau dorthin, warte bis alle Kellner draußen sind und schwupps ist eine Flasche im Rucksack verschwunden. Vielen Dank an Belvedere Camping! Rolf schaut mich mit großen Augen an, ich lächle zurück und er weiß sofort Bescheid. Ich wundere mich, dass er noch nicht verschwunden, denn so etwas ist garnicht sein Ding. Doch er bleibt relaxt sitzen. Leicht angetrunken fallen wir ins Zelt.

Geweckt werden wir vom Geschrei der slowenischen Familie rechts neben uns. Unglaublich, wie sehr die sich anblöken, durcheinander reden, schreien, maulen usw. Wir packen und fahren bald los. Hier beginnt bald der Parenzana-Radweg, der anfangs wunderbar bergab auf glatten Radwegen führt. Immer wieder werden wir auch auf die Straße geleitet, wo es auch noch so viel heißer ist. Die Hitze nimmt zu, als wir die Grenze erreichen. Ein ungewohntes Gefühl, in Europa an einer Grenze anzustehen. img_5575.jpgWir werden durchgewinkt und ab nun geht’s auf Schotter berghoch. Anfangs so steil, dass ich schon passen wollte. Doch die Steigung relativiert sich wieder, so dass ich im kleinsten Gang weiter und weiter auf dem Schotter berghoch radelte. Jedes Schattenplätzchen ist ein Genuss! Zum Trinken muss ich anhalten, da beide Hände bei diesem Untergrund am Lenker bleiben sollten. Rolfs Tipp, das Halstuch als Stirnband zu nehmen, ist ein Volltreffer. Als endlich die Straße kommt, werden die Schatten kleiner. Die Hitze macht mir immer mehr zu schaffen und ich signalisiere, dass ich Abkühlung brauche, denn mein Kopf hat schon wieder erhöhte Temperatur und Farbe! Meine Haut, die kribbelt und brennt, sagt mir: „Raus aus der Sonne!“ Doch wie, wenn keine Bar, kein Dorf, kein Baum in Sicht sind? So muss es sich in Australien anfühlen, denke ich. Rote Schottererde unter uns, rote Beine, rotes Gesicht, rote Sonne über uns. Nichts rechts, nichts links … eben Outback. Da das Wasser in den Trinkflaschen fasst Kochwasser ist, hilft es beim Durstlöschen auch nicht weiter. Meine roten Beine trampeln und mein Kopf glüht. Bei Rolf glüht nix …

Immer weiter geht’s, als wie aus dem Nichts eine Bar rechts auftaucht. Oh danke, da hat mich jemand erhört! Mit Bitter Lemon – Rolf mit dunklem Radler – und Eiswürfel ins Halstuch gewickelt, kühle ich meinen Puls wieder runter. Das tut sooo gut! Hier scheint die Uhr stehen geblieben zu sein, denn das sieht hier aus, wie vor 50 Jahren … inklusive des muffigen Geruchs, der sogar bis nach draußen dringt. Er erinnert mich so an meine Oma, an alte Sofas, Kissen, Möbel. Jeder hier raucht eine Zigarette nach der anderen, blickt auf’s Handy oder ins Leere. Englisch kann keiner, bis auf die jüngere Kellnerin. img_5576.jpgNoch ca. 10 heiße Kilometer und ein paar Anstiege liegen vor uns. Wie gut, dass wir uns an der muffigen Bar mit unseren Brötchen stärken konnten. Der Parenzana-Radweg ist hier mehr ein Witz, denn er gleicht mehr einem einspurigen Reitweg. Eigentlich habe ich für heute mein Soll bezgl. Schotterwege schon lange erfüllt, doch es nimmt kein Ende.
Dass die letzten Kilometer vor dem Eco Gecko’s Mini Autokamp mal wieder nur steil berghoch gehen, brauche ich wohl nicht noch zu erwähnen. Unmöglich für mich mit Gepäck zu fahren. Ich schiebe 50 m, atme so lange, bis mein Puls sich normalisiert hat, schiebe weitere 50 m usw. Natürlich suche ich für meine Atempausen ein Schattenplätzchen, doch leider muss ich mich auch da das ein oder andere Mal der Sonne aussetzen. Rolf ist längst oben und beginnt bestimmt schon mit dem Zeltaufbau oder er fragt sich, wo ich wohl bleibe. Ob er wohl zurück kehren und mein Rad holen kommen würde, frage ich mich. Ach nein, bestimmt nicht. Der ist froh, dass er oben ist. Ob ich anrufen soll? Nein, bin doch kein Weichei. So verfolge ich meine Weg mit meiner Technik und siehe da, alles geht einmal vorbei. Natürlich hat Rolf oben gewartet! Kurz darauf erreichen wir den bisher tollsten Campingplatz auf unserer Tour, denn er ist klein, fast neu, nur mit vier Stellplätzen versehen, liegt inmitten dieses kroatischen Outbacks mit Blick bis ans Meer. img_5585.jpgMike, der warmherzige und freundliche Besitzer zeigt und erklärt uns alles, was wir brauchen. Sogar eine große Grillstelle gibt es hier. Dass ich erschöpft bin, ist mir anzusehen. „So sieht man eben aus, wenn man nicht im Sternchenhotel gepudert wird“, sage ich zu Rolf, als er mir ein Foto zeigt und bricht in schallendes Gelächter aus … img_5577.jpg

(Po)oltag

Das Ein- und Auspacken gelingt uns immer schneller. Rucki zucki sind wir als eingespieltes Team fertig zur Abfahrt. Es sollte zwar nur noch bergab gehen, aber dennoch musste erst eine kleine Steigung überwunden werden. Dann sahen wir endlich Tiest vor uns im Talkessel liegen. Rolf entschied sich gegen die Abfahrt auf der Bundesstraße und für eine kleine steile Seitenstraße. Dass es dann gleich 23% und über mehre Kilometer sein mußten, war des Guten doch zu viel. Zumal mich neben der steilen Abfahrt in dieser kleinen und kurvigen Gasse auch noch der Gegenverkehr stresst. Wenn ich einmal absteige, habe ich echt Mühe vor lauter Steilheit wieder auf’s Rad zu kommen. Meine Handgelenke beginnen zu schmerzen und ich frage mich, warum wir nicht einfach die Hauptstraße hinuntergerollt sind. Das wäre zwar nicht kürzer, aber schneller gewesen. das In Triest am Bahnhof findet Rolf heraus, wie wir wieder zurück nach Tarvisio kommen – nämlich stündlich. Von dort sollte es kein Problem sein, zurück nach Salzburg zu kommen. bild-2.jpgimg_5534.jpgIn einer Bar gönnen wir uns dicke Paninis mit Käse und Schinken, Cappuccini und W-Lan für die weitere Planung. Unsere Route setzen wir mit dem Schiff quer über die Bucht nach Muggia fort und fahren an der Küste entlang bis Izola.img_5537.jpgMir gefällt dieser Abschnitt überhaupt nicht … Sonnenbaden auf Betonbänken … eng nebeneinander liegen viel zu viele Menschen manchmal auf Felsen oder eben auf diesen Betonplätzen … ich frage mich, was daran schön sein soll. Nach einem riesigen Industriegebiet bei Ankaran, kämpft Rolf gegen den Wind an der Küste entlang. Unser Camping „Belvedere“ liegt natürlich – wie der Name ja schon sagt – auf einem Berg. Hui, der hat es aber noch mal in sich, denn er zieht sich noch richtig schön hoch und vor allem in praller Sonne … Ohne Gnade treibt sie die Schweißtropfen aus meiner Stirn, die in meine Augen laufen, dass ich nichts mehr sehen kann. Das Anhalten und Schweißabwischen muss zwar sein, erschwert mir aber den anschließenden Aufstieg auf’s Rad. Das kostet am Berg nämlich richtig viel Energie. Oben steht Rolf mit trockenem Shirt und Normalpuls (unfassbar) mit nach oben gereckten Daumen und ruft „Super, Liebelein,“! Wie schön!img_5570.jpgNach der obligatorischen Pasta können wir uns von dem Belvedere Restaurant überzeugen und die grandiose Aussicht auf die Bucht von Izola genießen. Der Vino Bianco schmeckt auch hier und das W-Lan funktioniert phasenweise gut. Wir beschließen, den morgigen Tag zum Waschen, Aufladen und (Po)oltag zu nutzen.

Die nächsten Tage …


Wie schön das ist, wenn morgens nicht die Regentropfen auf das Zelt prasseln, sondern die Sonne uns aus dem Zelt treibt, wenn auch ungewollt, da wir in unserem Eifer gestern Abend das Zelt zwar mit Blick auf den See dafür ohne Schatten aufgebaut hatten. So groß ist unsere Sehnsucht nach Wärme und Sonne … auch wenn sie uns etwas länger hätte schlafen lassen können. So ziehen wir kurzerhand um und richten uns im Schatten mit allem Pipapo ein. Für diesen Platz am See haben wir den Umweg von 20 km gerne in Kauf genommen, denn der türkisfarbene See umgeben vom Grün der Berge ist schon Entspannung pur und wir nutzen die nächsten Tage zur Regeneration diverser geschundener Körperteile. imageDas liebenswerte Dorf Alesso mit seinen Bars und dem morgendlichen Palaver, dem köstlichen Cappuccino und dem Alimentari bietet zudem alles, was das Herz begehrt, so dass wir hier die nächsten drei Tage das Campingleben endlich so richtig genießen können. Schnell wird Rolf’s Hängematte am See zum Lieblingsplätzchen. Wir hören Hörbücher rauf und runter, kühlen nur die Beine im 16 Grad (! Rolf taucht natürlich auch da ein) kalten Wasser und sonnen uns. Aber dann wird es auch wieder Zeit für ein Tourchen, wenn auch nur ein Kleines … Wir umrunden auf einer Tagestour den See inklusive einiger Anstiege … genießen unser Lieblings-Elektrolyt-Getränk in Italien – nein, es ist kein Bierchen – Lemon Soda und das obligatorische Panini.

Den Abschluss bildet dann – wie fast täglich – eine Portion Pasta mit einem Insalata Mista als Antipasto, dazu eine Flasche Wein und einem Absacker in der Bar – Bella Vita …imageUnsere nächste Etappe führt uns raus aus den Bergen, rein in die Ebene über Udine Richtung Grado. Aus den anvisierten 80 km werden dann doch wieder 90 km, da ich ich den ausgeschilderten Alpe-Adria-Radweg folgen möchte und nicht Rolf’s Tourenvorschlag (selbst schuld). Wie dämlich von mir, denn auf den letzten 20 km brennt der Po. Außerdem waren die ersten 30 km für mich extrem anstrengend. Es fing zwar harmlos flach an, doch dann tat sich eine Steigung nach der anderen auf und ich kurbelte mich in praller Sonne und im kleinsten Gang hoch … mein Pulsschlag weit oben, mein Kopf heiß und rot … so erreichte ich die Anhöhe … manchmal ging es ein kleines Stück zum Verschnaufen bergab, doch dann begann das gleiche Spiel von vorne. Je mehr Anstiege ich schaffte, je weniger Energie hatte ich zur Verfügung. So langsam zweifelte ich daran, unsere Etappenziel noch erreichen zu können. Denn wie sollte ich noch weitere 50 km fahren können, wenn ich jetzt schon nach 30 km völlig am Ende war, was Rolf mir auch zu verstehen gibt. Und mit „völlig am Ende“ meine ich auch völlig am Ende. Meine Wahrnehmung lässt dann nach, ich sehe und höre nur noch sehr eingeschränkt, ich keuche, ich schwitze, ich wische mir den Schweiß aus den Augen, da ich sonst nichts mehr sehen kann, ich schiebe, wenn mich die Kraft in den Beinen verlässt, das Rad den Berg hoch zu fahren, ich versuche durchzuhalten, zu kämpfen und sage mir immer wieder „Gleich ist es geschafft. Gleich muss es vorbei sein.“ Rolf spendiert mir sein Wasser, schüttet es in mein Käppi, damit es mich etwas kühlen kann, denn mein roter Kopf sieht bedenklich aus. Nach dem gefühlten fünften Anstieg bitte ich um eine Pause, setze mich hechelnd auf die Bordsteinkante, fühle mich hundeelend, kann nicht mehr, mir ist schlecht. Ich atme und atme, warte, dass der Puls sich beruhigt. Rolf wartet, bleibt auf Distanz. Wahrscheinlich wirke ich genervt. Ich versuche die Signale meines Körpers, die mir anzeigen „Es geht wieder“ wahr zu nehmen. Im nächsten Ort legen wir die ersehnte Pause ein. Ich setze mich vor die Bank der geschlossenen Bar und Rolf läuft los, um Lemon Soda und Wasser zu besorgen. Ich esse die Pasta von gestern und spüre, wie die Energie langsam wieder zurückkehrt, zweifle aber noch immer an mir, ob ich überhaupt für solche Radreisen geeignet bin.

Die Strecke wird glücklicher Weise besser, flacher und geht immer weiter bergab. Heiß bleibt es weiterhin, so dass unsere Lemon Sodas in den wenigen Bars, die es hier gibt, unsere Highlights sind. Als wir dann endlich den Campingplatz in Aquileia erreichen, bauen wir mit letzter Kraft unser Zelt auf, duschen und essen unsere Pasta. An der Bar noch ein Bier und dann schlafen. Als Rolf am nächsten Morgen freudestrahlend mit einer Gaskartusche aus dem Mini-Markt kommt, glauben wir das Problem des zuneige gehenden Brennstoffes sei nun gelöst, doch Pustekuchen. Unser Kocher passt nicht auf den Verschluss, der leider kein Gewinde hat. Sehr verärgert über die vergeudeten 11 Euro versucht Rolf die Kartusche zurück zu geben. Mit Erfolg!imageDie 20 km nach Grado sind ein Klacks und ein Cappuccino in einer der vielen Bars in der Altstadt passt uns gut. Ich könnte stundenlang in den Bars der italienischen Altstädtchen sitzen und Menschen beobachten. Die Suche nach einer passenden Gaskartusche bleibt weiterhin unser größtes Problem. Meine Idee, auf dem Weg von Grado nach Triest in einem Laden der großen Campingplätze unser Glück zu versuchen, setzen wir in die Tat um und entdecken megagroße Campinganlagen mit Malle-Charakter und entsprechendem Publikum. Rolf entdeckt tatsächlich die besagte Kartusche – aber aus seiner anfänglichen Euphorie folgt an der Kasse die Ernüchterung, denn hier läuft’s wie im Club Med. Ohne Armbändchen mit Chip läuft hier garnichts und die bekommst du nur als angemeldeter Campinggast. Zu unserem Erstaunen gibt es hier wohl doch hilfsbereite Menschen, denn gleich 2 Frauen bieten ihre Hilfe mit besagtem Chip an. Gesagt … getan … und die Kartusche passt! Unserem geliebten Caffè am Morgen und der abendlichen Pastaorgie steht nichts mehr im Wege.

Natürlich geht es zum Schluss der Route noch mal schön den Berg hinauf … lange, nicht zu steil, so dass ich in Rolfs Windschatten gut hochkomme. Jeder Schattenfleck wird von mir schon lange vorher mit Vorfreude anvisiert. So erreichen wir am frühen Nachmittag Camping „Albatross“, zwar auch mega groß mit mega Pool- und Sportanlagen, dennoch okay. Wie schön es ist, mal mehr Zeit und Energie zu haben, für Duschen, Kochen und Bierchen trinken und nicht wie an unseren 90 km am Tag müde und abgekämpft am Abend erst anzukommen . Unsere Dortmunder Nachbarn sind aufgeschlossen und interessiert. Sie bewundern unsere Art zu Reisen, unsere Sportlichkeit und Anstrengungsbereitschaft, was mir runterläuft wie Öl! Rolf kocht Pasta – was sonst? Wir lachen uns schlapp, als wir einem Italiener beim Zeltaufbau zugucken. Wir müssen uns richtig anstrengen, nicht ständig dorthin zu glotzen … das hat beim Camping einen großer Unterhaltungswert!

Mit Weißwein von der Bar versuchen wir unsere weitere Tour zu planen, doch das W-Lan hier hält nicht, was es verspricht. Dass Animation hier ein großes Ding ist, wissen wir ja, dass sie aber bis weiter über Mitternacht damit den ganzen Platz unterhalten, dagegen nicht. Es war unsäglich laut, so dass meine Ohrenstöpsel quasi den Geist aufgeben. „Wie können Menschen hier Urlaub machen?“ frage ich mich mal wieder.image