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Südafrika Teil III: Kapstadt

Kapstadt – kein Ort der Guten Hoffnung

Von Franschhoek kommend, erblicken wir die Skyline von Kapstadt mit Blick auf den Tafelberg. Etwas aufgeregt sind wir schon. Alex hat ein wunderschönes kapmalaiisches Haus in Bo-Kaap über Airbnb gefunden. Unser „Purple House“ in der Waterkant Street im schwedischen Ethno-Style verfügt auf 3 Etagen über drei Schlafzimmer mit Bad, Küche, Wohnzimmer und einer großen Dachterrasse mit Blick über die ganze Stadt. In unmittelbarer Nähe gibt es herrliche Cafes und Restaurants mit Tischen draußen unter den Bäumen. Das Viertel sei sehr sicher, erklärt der Vermieter. Eine Gartentüre, eine große Gittertüre und eine Haustüre plus Alarmanlage schützen auch hier vor ungewolltem Besuch.

An die vielen Schlösser und Schlüssel mögen wir uns nicht gewöhnen und wenn die Alarmanlage nicht unmittelbar nach Betreten der Wohnung deaktiviert wird, steht der Wachdienst vor der Tür (wie wir erleben durften).

Radtour zum Camps Bay

Auch in Kapstadt gibt es Bikesharing. Eine prima Möglichkeit, wenn man nur eine Strecke fahren möchte, denn an den 5 Stationen kann das Rad wieder abgegeben werden.

Biketour durch Kapstadt

Um zum Camps Bay zu kommen, mieten wir uns bei Up Cycles fünf Räder an der Station „V&A Waterfront“. Zwischen Hollandrad und Mountainbike kann man sich eins aussuchen.  Für Noomi gibt es sogar einen Anhänger, da sie noch nicht ganz so fit ist. Anfangs wühlen wir uns durch die Fußgängerzone an der Waterfront bis wir den Radweg am Greenpoint finden. Alex zieht den Anhänger vorneweg, Luan radelt sicher hinterher.

Bei strahlendem Sonnenschein und frischer Brise vom Meer radeln wir die Küste entlang, an Seapoint vorbei an der Westflanke des Tafelbergs, wo die imposanten Steilwände der 12 Apostel erscheinen. Luan zählt auch gleich die Bergkuppen, ob’s wirklich zwölf sind. Mit Blick auf die Bergkette erscheint die türkisfarbene Bucht von Clifton Bay. Einen Berg müssen wir über die Straße fahrend noch überwinden, bis wir Camps Bay erblicken. Das Radverkehrsnetz ist weder beschildert noch stringent auf einem Radweg. Na ja, hier könnte man noch dran arbeiten.

Camps Bay hat eine Beachroad, gesäumt von hippen Restaurants und teuren Hotels. Einem mondänen Kurort gleich flanieren oder fahren hier chic gekleidete Kapstädter und Touristen auf und ab. Unsere Räder geben wir ab und stärken uns erst mal mit leckeren Fritten und Hühnchen, bevor wir an den Strand gehen. Noomi lockt Alex ins Wasser, das so kalt ist, dass ich noch nicht mal darin stehen möchte. Doch Alex springt tatsächlich rein, nur Noomi dann doch nicht. Während Luan Muscheln sammelt, beobachten wir die Kinder am Wasser.

Camps Bay

Mit dem Uber-Taxi fahren wir zum Sonnenuntergang an die Waterfront. Direkt am Meer gelegen bietet, die für uns zu moderne Anlage immer wieder fantastische Ausblicke, ob auf die Boote im Hafen, den Tafelberg im Hintergrund oder auf die alten sanierten Hafenhäuser im victorianischen Stil. In einem der Hafenrestaurants lassen wir den Abend bei allerlei Leckereien ausklingen. 

Mit der Gondel auf den Tafelberg

Zu Kapstadts Wahrzeichen, dem 1086m hohen Tafelberg, bringt uns die sich drehende Gondel in einem rasanten Tempo. In der Nebensaison können wir die Tickets vor Ort kaufen. Ein bisschen Schlange stehen und warten, doch relativ schnell kommen wir in die Gondel. Je nachdem schaut man auf die Steilwand des Tafelbergs oder auf die Bucht von Kapstadt. Bei bestem Wetter haben wir eine weiten Blick auf die Bucht, den Hafen und auf den Lion’s Head. Oben angekommen wandern wir auf dem mehrere Quadratkilometer großes Plateau und sind fasziniert von der Aussicht auf das Stadtzentrum mit Signal Hill, Robben Island, die mondänen Badeorte von Camps Bay und Clifton im Westen. 

Auf dem Tafelberg

Die Wanderwege des 30minütige „Agama Walk“ führen zwischen massiven Felsblöcken mit ausgeprägte Einkerbungen und zahlreiche Fynbos-Pflanzen und ermöglichen eine 360 Grad Aussicht auf Kapstadt. Der kühle Wind lässt erahnen, wie es hier oben zugeht, wenn die berühmte Tischdecke (eine Nebelbank) dem „table cloth“ sich auf das Plateau legt. Ansatzweise bekommen wir diese Wandlung zu spüren, denn uns wird sofort kalt. Der ungemütliche Wind treibt uns dann doch schnell zum Ausgang.

Füße im Sand im Strandbad Grand Afrika

Im Strandrestaurant Grand Afrika verbringen wir einen herrlichen Nachmittag mit Spielen und Schlemmen … eine üppige und delikate Fischplatte mit riesigen Garnelen und kaltem Rosé. Dieses stylische Location liegt malerisch direkt am Atlantik. Ein entspannter Rückzugsort im Herzen der Metropole. Wir genießen den verspielten Luxus, spielen mit den Kindern und genießen den letzen gemeinsamen Tag in Kapstadt.

Im Grand Afrika lassen wir es uns gut gehen

Neighbourgoods Markt in Woodstock

Bevor Alex und Familie heute wieder nach Deutschland fliegen, möchten wir unbedingt noch auf den trendigen Markt in Woodstock. Gleich hinter dem Bahnhof ist die Veränderung im Stadtbild unverkennbar. Mehr Schmutz und Müll, alte Autos und Häuser, einfache Geschäfte und Werkstätten.

In dem ehemaligen Arbeiterviertel Woodstock lassen sich seit geraumer Zeit immer Künstler, Designer und alternative Querdenker nieder. In der restaurierten fotogenen Old Biscuit Mill findet jeden Samstag der trendige Neighbourgoods Market (373 Albert Rd, Woodstock) mit Streetfood-Ständen, afrikanischer Handwerkskunst und Designermode statt. In den alten Fabrikgebäuden schlendern wir durch Cafés, vegetarische Restaurants, Galerien und ausgefallenen Geschäften mit Secondhandkleidung, Upcycling-Möbeln und Antiquitäten.

Kapstadts Feinschmeckermarkt bietet bei Live Musik handgemachtes Brot, frisch gepresste Säfte oder den besten Kaffee der Stadt. Neben dem hippen Jungvolk Kapstadts klönen auch Jung und Alt auf dem Boden oder auf Bänken sitzend bei einem Glas Wein und Köstlichkeiten aus aller Welt.

Voller Eindrücke fahren wir zurück zu unserem Haus. Der Abschied steht bevor und meine Tränen kann ich kaum noch zurückhalten. Eine wunderbare gemeinsame Zeit liegt hinter uns. Kapstadt hat uns reichlich mit Sonne und Erlebnissen beschenkt und vieles wieder ausgeglichen, was auf der Garden-Route quer war. 

Brillenpinguine am Boulders Beach 

Nachdem wir einige Tage die Weinroute im Hinterland von Kapstadt erkundet haben (Beitrag folgt noch), wollen wir noch einige Tage in Kapstadt verbringen, bevor wir Südafrika den Rücken kehren.

Brillenpinguine am Boulders Beach

Bevor es wieder nach Kapstadt geht, fahren wir nach Simon’s Town auf der Kaphalbinsel, um die Brillenpinguine am Boulders Beach zu sehen. Auf dem Weg dorthin fahren wir an riesigen Seen, wie dem Theewatersklofdamm, den Bergketten von Hottentots Holland Nature Reserve vorbei, bis wir in der Provinz Western Cape wieder zum Meer gelangen. Links die Dünen und rechts kleine Blechhütten windschief auf dem Dünensand. Diese Blechhüten dehnen sich weiter aus, kilometerlang, über die Hügel und wieder hinunter. Immer mehr kommen zum Vorschein. Die Menschen leben hier in sehr armen Verhältnissen. Wie können sie hier nur leben? Was machen sie bei Regen? Das Wasser läuft doch in die Hütten hinein?Entsetzt über diese riesige Township lesen wir, dass Khayelitsha eines der größten Townships in Südafrika mit über 400.000 Bewohnern ist. Einen lesenswerten Artikel über das Leben und die unerfüllten Hoffnungen dort könnt ihr hier nachlesen.

Unter der Apartheid-Regierung in den 1950er Jahren entstanden, wurde die schwarze Bevölkerung hier her umgesiedelt. Dass Khayelitsha auf isiXhosa „Neue Heimat“ heißt, ist so absurd. Obwohl die Regierung versucht, allen Bewohnern freies Wasser und Elektrizität zu gewähren, ist dies doch kein guter Ort zum Leben. Die Wartelisten für die zu wenigen neuerrichteten Häuser aus Stein sind lang, die Arbeitslosenquote und die Kriminalitätsrate hoch.

Irritiert fahren wir weiter an der Küste entlang, die mit großen Villen an den Hängen den krassen Gegensatz nur verstärkt. Haben wir nicht vor ein paar Minuten sehr arme Wohnverhältnisse gesehen? 

Wie können die Weißen hier ohne Gewissensbisse ihr Leben genießen?

Die kleinen Küstenorte wie Kalk Bay und Simon’s Town wirken wie Kurorte für gestresste reiche Kapstädter. Simon’s Town, der Ort an der windgeschützten False Bay, ist für seine Kolonie von Brillenpinguinen berühmt. Die hellen, abgerundeten Felsen vor dem türkisfarbenen Wasser erinnern an die Seychellen. Die Häuser im viktorianischen Stil, jeder Menge Vintage- und Second-Hand-Läden auf der Hauptstraße sollen bestimmt zu Bummeln einladen. Tut es uns aber nicht.

Als wir Boulders Beach mal wieder Eintritt (12€ pro Person) für das Betreten eines Holzsteges, der zu der Bucht führt, bezahlen sollen, streiken wir. Jetzt reicht es uns wirklich. Für natürliche Gegebenheiten wie eine Kolonie von Brillenpinguinen am Strand wird hier so viel Geld verlangt. Für maximal eine Stunde würden wir 24€ bezahlen. Das hier ist kein Zoobesuch, wo ich mir den ganzen Tag mit meinen Enkelkindern unzählige Tiere anschauen kann. Nein, nein, das Spiel spielen wir nicht mehr mit! Wir laufen den seitlichen Holzsteg zum anderen Ende der Bucht und können Pinguine mit ihren Jungen in ihren Nestern riechen, hören und beobachten. Ganz umsonst! Von weitem – leider ohne Fernglas – sehen wir, wie sich die Pinguine im Wasser tummeln. Das reicht uns dann nun auch. 

Kap der Guten Hoffnung – ohne uns

Wir fragen uns ob, man es unbedingt gesehen haben muss. Ja … Nein … wägen ab und wollen es schließlich ausprobieren. Wie so oft hier in Südafrika vermuten wir, dass für einen Naturschauplatz oder ein Nationalpark ein hoher Eintritt verlangt wird. Dass der angegebene Preis im Reiseführer nur für Südafrikaner gilt, wissen wir noch nicht.

Auf dem Weg zur Nationalpark-Einfahrt fahren wir die Küstenstraße nach oben bis wir nach ca. 20 min das Tor erreichen. Hier hauen uns dann die Preise mal wieder von Hocker. Mit 18€ pro Person bist du dabei. Doch wofür? Nur um am Ende ein Foto von uns vor dem berühmten Schild „Cape of Good Hope“ mit seinen Koordinaten zu haben, dass 36€ gekostet hat? Da wir keine Wanderung im Nationalpark geplant haben, fällt uns kein weiterer Grund ein, der für den Eintritt sprechen würde. Wir drehen und lassen das Kap Kap sein. 

Kapstadt Teil II

Unsere letzten vier Tage in Südafrika tauchen wir tiefer ein in die Geschichte der Apartheid. In unserem House on the Hilldas nah zur Waterfront liegt, kochen wir in der gut ausgestatteten Küche auch mal Pasta mit den köstlichen Oliven von der Olivenfarm in Robertson. Die Olivenpaste mit Brot ist ein echter Genuss. Die Temperaturen sind mit 20-24 Grad weitaus kühler, besonders abends, wenn der kalte Wind durch Kapstadt fegt.

Buntes Bo-Kaap

Bevor unsere Tour durch Bo-Kaap startet, stolpern wir über den Greenmarket Square, einem der ältesten Märkte Kapstadts mit Kunst und Handwerk, handbemalten Stoffe, Holzschnitzereien, Glaswaren, Kleidung, Kuriositäten und vieles mehr.

Am Treffpunkt für die Freewalking-Tour am Motherland Coffee treffen wir mit ca. zehn weiteren Teilnehmern auf unseren Guide. Die „Apartheid to Freedom-Tour“ erinnert an die Geschichte der Apartheid in Kapstadt, insbesondere an die Apartheidgesetze und deren Konsequenzen. Unser Guide führt uns durch das Viertel “Bo Kaap“, ein Stadtviertel, das berühmt ist für seine kunterbunten Häuschen. Von Zitronengelb über Grasgrün bis zu Babyblau und Lila ist alles dabei. 

Bo Kaap

Es wurde von den Kapmalaien im 18. Jahrhundert zuerst besiedelt, nachdem sie aus der Skaverei entlassen worden waren. Enge, steile Gassen mit Kopfsteinpflaster führen an bunt gestrichenen kleinen Häusern mit kapholländischer Architektur vorbei. Zehn Moscheen gibt es hier. Gerade wird hier ein Film gedreht, was nicht verwundert bei dieser farbenfrohen Kulisse.

Die Islamisierung durch den Imam Tuan Guru und seine im Untergrund gegründete Auwal-Moscheewar ist die erste Moschee in Südafrika. An einer Straßenecke beobachten wir eine Gruppe islamischer Männer, die wild gestikulierend herumschreien. Sie spielen Domino … sonst nichts. Das Viertel Bo-Kaap und insbesondere die bunten Häuser werden mehr und mehr geschützt und dürfen nicht an Investoren verkauft werden. Das ist gut und wichtig! Die Häuser müssen weiterhin als Wohnhäuser genutzt werden. Erfolgreich haben sich die Bewohner gegen den Weiterbau eines 17-stöckigen Hochhauses gewehrt. Die Bauarbeiten liegen seitdem auf Eis.

District Six Museum in der Buitenkant Street Church

Dass sich in einer ehemaligen Kirche ein Museum befindet, ist schon außergewöhnlich. Später erfahren wir auch den Grund dafür. Hier konnten sich sonntags ehemalige Anwohner zur Messe treffen und ihren Widerstand gegen die Apartheidgesetze organisieren.

Ein ehemaliger schwarzer Bewohner dieses Stadtteils, dass ursprünglich von frei gelassenen Sklaven bewohnt war, berichtet in diesem kleinen Museum während der Führung von der brutalen Räumung. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Rassentrennung und der Apartheid Gesetze deklarierte die Regierung 1966 das Gebiet des District Six als ‚White Group Area‘ – also für die weiße Bevölkerung – und ließ es mit Bulldozern platt walzen.

District Six Museum

Für die Bewohner, die grausam ihrer jahrzehntelangen Heimat beraubt wurden, war diese Entwurzelung grausam. Sie mussten in die Cape Flats (Townships) umsiedeln, wobei sie jegliches Recht auf Eigentum und Grundstücke verloren. Nur die Kirchen ließen sie stehen. Unser Guide erzählt uns eine Geschichte von seinem damals 6jährigen Sohn, als er mit ihm unterwegs war und er auf die Toilette musste. Da es nur eine Toilette für Weiße gab und es strikt verboten war (Schild), diese zu benutzen, versuchte er dies seinem Sohn erklären. Der aber zeigte immer wieder auf die Toilette und verstand nicht, warum er sie nicht benutzen konnte.

Seine authentischen Erzählungen gehen uns nahe. Ja, wie soll ein Kind diesen Wahnsinn verstehen? Dass er  sogar den königlichen Familien von Norwegen, Schweden und den Niederlanden und Michele Obama während ihrer kurzen Reise in Südafrika seine Geschichte zeigen konnte, ist schon beeindruckend. 

Dieses Museum ist ein bedeutsamer Ort, ein Ort der Erinnerung an das friedliche Zusammenleben, an das Stadtviertel, an die Vertreibung, an die Entwurzelung der ehemaligen Sklaven. Vielen Dank an alle, die die Erinnerungsstücke fleißig gesammelt und hier in liebevoller und kreativer Art ausgestellt haben.  

Ein Stück Zeitgeschichte hautnah – Robben Island

Ob es sich lohnt, die dreistündige Tour zur Gefängnisinsel zu machen? Wir finden schon, denn zur Geschichte Südafrikas gehört die Geschichte von Robben Island wie das Huhn zum Ei. Um die Menschen, die Politik die Entwicklungen zu verstehen, ist dies unerlässlich. 

Robben Island

Am Nelson Mandela Gateway an der V & A Waterfront kaufen wir die Tickets (360 R/22€) für den nächsten Tag, was jetzt in der Nebensaison auch ausreicht. Über die Homepage ist dies besonders in der Hauptsaison zu empfehlen. 

Die 30minütige Überfahrt offenbart wunderschöne Ausblicke auf den Hafen, die Waterfront und den Tafelberg. Bei der Ankunft geht es mit dem Bus über die Insel. Ein Guide erklärt die historischen Orte bis uns am Gefängnis ein ehemaliger politischer Gefangener, der hier 7 Jahre inhaftiert war, in Empfang nimmt und ins in das erste Gebäude in eine große Zelle führt. Wir nehmen auf den seitlichen Bänken Platz und er berichtet vom Alltag im Gefängnis:

Gefangene mussten im Steinbruch Steine zu Sand klopfen, der für den Bau der weiteren Gefängnisgebäude benötigt wurde. Sie selbst bauten also ihre eigenen Gefängnisse. Die tagtägliche harte Arbeit im Steinbruch, der sich im Sommer extrem aufheizt, führte bei vielen Gefangenen zu Augenschäden, denn Sonnenbrillen waren nicht erlaubt. Eine kleine Höhle diente als Schattenplatz und Toilette. Hier konnten sie mal ungestört miteinander sprechen, da kein Wächter sich hier hinein wagte.

Der Steinbruch auf Robben Island

Einigen Gefangenen ist sogar die Flucht gelungen, entweder versuchten sie die 7 km bis zum Festland bei Bloubergstrand durch den kalten Atlantik zu schwimmen, klauten Boote der Wächter oder bauten sich heimlich selbst Boote, z.B. aus Tierfell. Natürlich ertranken auch Viele, doch ein paar Wagemutige schafften es auch. Haie erledigten ihren Teil. Besonders einer (David) konnte 3x mit einem Boot entkommen, so dass man ihn künftig in Australien einsperrte.

Auf Robben Island wurden nach 1843 vor allem Leprakranke sowie geistig Behinderte gebracht. Nelson Mandela ist wohl der berühmteste Gefangene von Robben Island, wo er 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Wir werden durch den Trakt mit den Zellen geführt. Die vierte Zelle rechts ist Mandelas Zelle … rechts eine Matte auf dem Boden, ein Eimer, ein Tischchen, graue Wände.

Sieht alles renoviert und sauber aus, was meiner Ansicht weniger authentisch ist. Die grauen kalten Wände, die Gitter, die engen Zellen und die Höfe mit ihren Mauern lösen ein beklemmendes Gefühl aus. Es muss sehr kalt gewesen sein! Sommers wie Winters wurde die gleiche Kleidung getragen: kurze Hosen und T-Shirts, keine Schuhe. Zweimal in der Woche durften sich die Gefangenen mit kaltem Wasser aus dem Meer duschen bzw. waschen. Erst viel später gab es warmes Wasser. Auch die Unterlagen zum Schlafen haben sich die Gefangenen hart erkämpfen müssen … von der dünnen Strohmatte zur Filzmatte war es ein langer Weg. Die Apartheid schlug auch hier voll zu. Sogar das Essen wurde zwischen Schwarzen, Farbigen und Asiaten unterschiedlich verteilt. Die Schwarzen bekamen von allem am Wenigsten.

Familienmitglieder durften die Gefangenen nur sehr selten besuchen, wobei nur Englisch oder Afrikaans gesprochen werden durfte. Die Wächter, die mit Killerhunden aufpassten, wohnten mit ihren Familien auf der Insel. Die meisten Gefangenen wurden mit dem Erstarken der Anti-Apartheid-Bewegung wegen „Sabotage“ angeklagt. 1971 streikten und protestierten Gefangene für humanere Bedingungen, so dass sie beispielsweise auch in der Haft studieren durften. Nelson Mandela hat diese Proteste maßgeblich vorangetrieben, was dazu führte, dass das Gefängnis auch Mandela University genannt wurde. Mandela selbst hat hier seine Memoiren (Der lange Weg zur Freiheit) geschrieben. 

Kritischer Rückblick auf Südafrika 

Insgesamt haben wir sieben Tage in Kapstadt verbracht, wirklich lang und intensiv. Dennoch empfinden wir nicht den Hype, der um die „Mothercity“ am Kap der Guten Hoffnung gemacht wird. Es liegt auf der Hand, dass die einmalige Lage in der Bucht unterhalb des Tafelbergs sowie die nahen Strände wie Clifton und Camps Bay einmalig schön sind. Für die Skyline mit der plateau-förmigen Oberfläche zusammen mit Signal Hill, Lion’s Head und Devil’s Peak ist Kapstadt weltberühmt. Besonders das kapmalaiische Viertel Bo-Kaap begeistert mit seinen bunten Häusern.

Aber an den Townships vor den Toren der Stadt, insbesondere Langa und Khayelitsha, wird deutlich, wie ausgeprägt die Apartheid heute noch existiert. Armut ist schwarz, Reichtum ist weiß. Die weißen europischstämmigen Südafrikaner haben die Macht, die Villen, die großen Autos, die gut bezahlten Jobs, die gute Ausbildung. Die Schwarzen putzen die Klos, die Wohnungen und die Autos der Weißen. Drecksarbeit eben. Die ummauerten Villen mit ihren Alarmanlagen und Stacheldrahtzäunen halten fremde Blicke und Hände fern. Alles ist mehrfach abgeriegelt. Zwei bis drei Tore und Türen bis zum Eingang. 

Nelson Mandela war aufgrund seiner Aktivitäten gegen die Apartheidpolitik 27 Jahre auf Robben Island inhaftiert. Von seine Zielen für ein gleichheitsorientiertes, demokratisches Staatswesen ist Südafrika heute nach 25 Jahren weiter entfernt als je zuvor. Nach Kapstadt zu reisen und diese gravierende Kluft zu erleben, löst bei uns Beklemmung aus. Ausblenden können und wollen wir diese ungerechte  Verteilung nicht. Wer nur an der Waterfront in Designerläden shoppen gehen und in coolen Beachbars fein essen möchte, muss schon sein Reflexionsvermögen auf Eis legen, um das hier  genießen zu können. Die Schaufenstern prahlen mit unfassbar teuren Schmuck, Kleidern, Taschen, Schuhen und vor allem schnellen Autos al la Lamborghini.

Wohingegen die Schwarzen auf der Straße betteln, in Parkanlagen schlafen oder vor Einbruch der Dunkelheit in übervollen Sammeltaxis in ihr Township fahren. Wenn sie Glück haben, wohnen sie mit der ganzen Familie in einem von der Regierung gebauten kleinen Steinhaus, ansonsten in einer Hütte aus Blech, Karton oder Holzresten am Stadtrand. Ödes Land, Brachland, Geröll oder Sand, Müll und Gestank. Hierher kehren sie jeden Abend zurück. Abends sollte eh jeder besser zu Hause sein, denn die Angst vor Überfällen ist hoch.

Kapstadt wird niemals unsere Lieblingsstadt. Was unzählige Reiseblogger gebetsmühlenartig wiederholen wie „Kapstadt, die schönste der Welt – Kapstadt meine Lieblingsstadt“ und auch nicht davor zurückschrecken, sogar mehrfach nach Kapstadt zu reisen, ohne die problematische Situation der Schwarzafrikaner zu reflektieren, halten wir für extrem eindimensional. 

Diesen Tummelplatz für die Schönen und Reichen verlassen wir gerne. Wir lieben es, frei zu sein, uns auch abends frei zu bewegen, in offene Häuser zu gehen und in Kontakt mit den Menschen zu sein. Dass wir uns hier eingesperrt fühlen, liegt auf der Hand.

Ach ja, und wir haben keine Township-Tour gemacht, da sie uns mit 45€ pro Person zu teuer ist. Denn vom Armutstourismus profitieren nur Einzelne, sie sind kein Mittel zur Armutsreduzierung. Darüberhinaus haben wir in Soweto mit einheimischen Guides einen sehr interessanten Einblick bekommen. Und nein, wir schreiben keine Liebeserklärung an Kapstadt, denn wir haben keine 7 Gründe wieder herzukommen. Das erledigen die Touristen und digitalen Nomaden, die sich hier im übermäßigen Luxus wohlfühlen, wenn nebenan Familien hungern müssen. 

Abschied von Südafrika …

Südafrika Teil II: Die Garden Route

Von Port Elizabeth nach Tsitsikamma-Village (185km)

Im On Glen Hotel fallen uns als erstes wieder die Mauern, Zäune und Alarmanlagen auf. Autos parken auch hier im Hof. Das ist sie wieder … die Abschirmung und Sicherung vor den Schwarzen! Bei diesem Temperatursturz um mindestens 10 Grad ziehen wir uns mal wieder warm an.

Mit zwei Autos fahren wir am nächsten Morgen im strömenden Regen in den Tsitsikamma-Nationalpark. Von weitem sind die beeindruckenden Bergketten schon bald zu sehen. Die Sonne lässt sich auch wieder blicken, als wir Tsitsikamma-Village erreichen. Ein überschaubares Nest mit einer Handvoll Restaurants. Unser Forest Nest liegt etwas versteckt in einem Wäldchen. Beim Buchen müssen wir uns wohl total verguckt haben, denn Rolf und ich beziehen ein Häuschen mit drei Schlafzimmern, zwei Bädern, einer großen Küche mit Wohnraum und Garten, während Alex mit seiner Frau und den beiden Kinder in einem einzigen Zimmer übernachten.

Die Suspension-Bridge

Alex, Rolf, Luan und ich möchten an diesem sonnigen Nachmittag unbedingt zur Suspension-Bridge im Tsitsikamma-Nationalpark. Doch staunen wir am Gate Bauklötze, als wir pro Erwachsener 235 R/14,50€ und pro Kind 118R/7€ bezahlen sollen. Immerhin sind das 50€ für 2-3 Stunden im Park. Na, das fängt ja gut hier an! Nichtsdestotrotz fahren wir runter zur stürmigen Küste, ziehen schnell die Jacken an und laufen zur Mündung des Storms Rivers. Auf der Suspension Bridge haben wir einen grandiosen Blick in die Schlucht als auch auf den Indischen Ozean. Auf der anderen Seite klettern Luan und Alex auf den zerklüfteten Felsen herum, bis es langsam dunkel wird. 

An Alex Geburtstag wollen wir die 6 km Wasserfall-Tour an der Küste entlang laufen. Da Noomi noch nicht ganz fit ist, sind wir uns noch nicht ganz sicher, ob sie diesen Trail schaffen kann. Rolf bleibt wegen seines Hustens im Bett. Vorsichtshalber ziehe ich mal meine Wanderschuhe an und packe Wasser und Müsliriegel ein. 

Klettertour auf dem Waterfall Trail

Bei strahlenden Sonnenschein geht es die ersten paar hundert Meter durch den Wald und an der wilden Küste entlang. Stürmischer Wind und wuchtige Wellen treiben ihr raues Spiel und sind nicht zu überhören. Die Felsformationen an der Küste sind von den Wellen gezeichnet. Wie längs durchfurchte Gerippe ragen sie aus dem Wasser, spitz und kantig, rot-orange schimmernd gegen das Blau des Ozeans.

In bester Laune und frohen Mutes laufen und klettern die Kindern vorneweg, so dass wir Erwachsene Mühe haben, hinterher zu kommen. Eine Mutter mit zwei Jungs überholen uns. Doch dann endet der Weg in einem Meer aus riesigen Felsbrocken, die zur Orientierung mit gelben Pfeilen versehen sind. Klettern ist nicht unbedingt meine Stärke. Doch ich bemühe mich so gut ich kann. Ich balanciere über Felsen und Felsspalten, klettere hinunter und steil hoch. Hab den Eindruck, kaum voran zu kommen.

Wie lange wird das hier noch so gehen? Hören diese Felsbrocken auch noch mal auf? Die Kinder vorne haben sichtlich Spaß. Nach und nach ziehe ich Kleidung aus, denn ich schwitze vor Anstrengung und Angst. Das ist hier keine lustige Wanderung mehr. Wer hier stürzt, der kann einpacken bzw. ins Krankenhaus geflogen werden. Eine Verletzung an den spitzen Felsen scheint zum Greifen nah. Jeder Schritt muss gut gewählt sein. Ich brauche beide Hände zum Festhalten, ziehe mich mit aller Kraft hoch und runter. Der Rucksack wird logischerweise immer schwerer.

Da Alex und Romina mit den Kindern beschäftigt sind, muss ich alleine balancieren, was mir mächtig Angst einjagt. Wie sehr mir Rolfs Hand fehlt! Ich will ja hier nicht die nörgelige Oma abgeben, also beiße ich mich dadurch.Wir müssen das Ganze ja auch noch wieder zurück.

Wie furchtbar! Wie soll ich das hier nur schaffen … bloß nicht hinfallen, dann haben die anderen noch mehr Stress … ich konzentriere mich auf die nächsten Schritte, rutsche zum Teil auf dem Po die Felsen herunter … klettere sehr steil nach oben, balanciere auf wackeligen Steinen. Mein Magen knurrt, meine Kräfte lassen nach.

Erst spät machen wir eine Pause. Bananen und Wasser tun gut. Soll ich abbrechen? So 20 min vor dem Ziel? Hier alleine warten? Doch dann nach der Stärkung möchte ich es doch schaffen und die Pintos nicht alleine gehen lassen. Wie würde ich denn auch als Omi dastehen?  Wanderer, die uns entgegenkommen, fragen wir nach der Beschaffenheit der Strecke. Weitere Felsen? Es soll besser werden, sagen sie. Nach fast 2,5 Stunden erreichen wir tatsächlich den Wasserfall. Glücklich und erschöpft setzen wir uns auf die kantigen Felsen mit Blick auf den Wasserfall und das natürliche Becken zwischen den Felsen.

Luan und Noomi haben diese Klettertour so wunderbar geschafft. Wir hoffen, dass sie den Rückweg genauso gut bewältigen. Doch dann passiert es doch. Wir hören einen Schrei, dann Weinen. Luan ist über einen Stein gestürzt. Zum Glück ist er nicht mit dem Kopf angeschlagen. Es ist ein Schock! Nur eine Schürfwunde am Knie. Wir trösten ihn und bald läuft er schon weiter.

Das große Felsenfeld umgehen wir über eine Höhenweg, müssen diesen aber auch wieder steil bergab an einer Felswand hinunter klettern, indem wir uns an den Wurzeln festhalten und uns gegenseitig stützen. Was für eine Überwindung! Alex trägt Noomi mittlerweile auf den Schultern, denn sie ist nun auch erschöpft. Was für eine Anstrengung für Alex.  Nun wissen wir, dass wir es bald geschafft haben, denn die letzten 30 Minuten bis zum Parkplatz brechen an. Stolz und erschöpft genießen wir den traumhaften Ausblick von der Bank auf diese wilde Küstenlandschaft. 

Geschafft …!

Von Tsitsikamma-Village über Nature’s Valley nach Plettenberg Bay (80km)

Bei strahlendem Sonnenschein durch die Tsitsikamma Berge biegen wir am Nature’s Valley ab. In diesem verschlafenen Örtchen das mehr einem holländischen Stranddorf gleicht, essen wir in dem einzigen Imbiss Sandwich mit Fritten, gehen durch die Dünen an den weiten Strand, der sich lang erstreckt. Einige Angler versuchen ihr Glück im kalten Wasser stehend. Heftiger Wind weht uns durcheinander, während die Wellen mit aller Wucht gegen die Küste donnern. Zurück an der der Lagune, in der es beschaulicher, da windstill zugeht, tummeln sich Familien am feinen Sandstrand. Vier mutige Schwimmer schwimmen sogar im sehr kalten Wasser des Flusses.

Nature’s Valley

Gegen 14 Uhr erreichen wir nach etwas Suchen die schicke Villa in Plettenberg, wo uns die (schwarze) Haushälterin freundlich in Empfang nimmt. Sie erklärt alle Codes, Passwörter und natürlich die Alarmanlage wie für einen Hochsicherheitstrakt. Umgeben von einer Mauer und gekrönt mit einem Elektrozaun, leben die Menschen hier in ihren exklusiven Villen. Niemand sitzt vor dem Haus auf einer Bank, niemand grüßt die Nachbarn, niemand spielt mit Kindern. Die Angst vor schwarzer Kriminalität ist groß. 

Von den sechs Schlafzimmern suchen wir uns eins in der 1. Etage aus. Jedes Zimmer hat ein eigenes großes Bad mit allem Pipapo. Wie eine andere Welt, besonders nach zwei Monaten in Indien … Kulturschock mal andersherum. Alles ist extrem … extrem sauber, extrem groß, extrem luxuriös. In Südafrika gibt es extrem Reiche, die ihren Wohlstand auf Kosten der extrem Armen erreicht haben. Fürchterlich!  Wir mögen uns hier nicht wie die Made im Speck fühlen! Wie konnten nur 5 Millionen Weiße 50 Millionen Schwarze unterdrücken? Das werden wir noch herausfinden! 

Wie erfreuen uns am selber kochen, kaufen ein und grillen. Bei Guacamole und Tzatziki,  Salat und Ofenkartoffeln schmeckt es wie zu Hause. Angesichts des kühlen Regenwetters spielen und lachen wir abends bei Varianten von Stadt, Land, Fluß und Activity. 

Von Plettenberg Bay über Swellendam (303 km) nach Hermanus (145 km) und nach Kapstadt

Die Haushälterin freut sich sichtlich über die Lebensmittel und das Essen, das wir übrig haben. Da mich nun auch der Husten erwischt hat, kann ich über Swellendam nicht viel berichten. Es ist weiterhin kühl und regnerisch. Mit  Schüttelfrost und erhöhter Temperatur auf der Autofahrt möchte ich mich nur noch ins Bett legen.

In Swellendam angekommen ist mein erster Weg auch genau dorthin. Sogar mit Heizdecke! Dort kuriere ich mich bis zum nächsten Morgen aus. Der zuvorkommende Gastgeber bedient die kleinbürgerlichen Gäste in dem gemütlichen Speiseraum hier nach Herzenslust. Gestärkt und gesund fahren wir die Strecke über Stormsvlei nach Hermanus, der beliebte Ort an der Walker Bay, um Wale zu beobachten. Nirgendwo sonst kann man die Wale so nahe an der Küste beobachten.

Im windigen Hermanus beziehen wir ein zweckmäßig und kühl eingerichtetes Apartment mit drei Schlafzimmern. Praktisch, dass es quasi mitten in einem Einkaufszentrum liegt, denn so können wir einkaufen ohne hinaus gehen zu müssen. Während Alex, Romina, Luan und Noomi auf ihrem stürmischen Spaziergang am alten Hafen das Glück haben, Wale zu sehen, bleibt dies uns später verwehrt. Der Wind bläst uns so sehr um die Ohren, dass ich es eh nicht lange aushalte und wir zurückgehen. 

Der strömende Regen am nächsten Morgen taucht die Berge in eine graue Nebelwand. Die Wettervorhersage verspricht bald Besserung. Unvorstellbar! Doch nach zwei Stunden löst sich tatsächlich alles auf, die Sonne setzt sich langsam durch und der Nebel zieht sich gespenstisch von der Küste Richtung Berge zurück. Nun können wir auch noch mal einen Versuch starten.

Am alten Hafen angekommen sehen wir schon die ersten Fontänen der Wale. Unglaublich! Riesige graue Kolosse tauchen mit ihrem Rücken auf. Fasziniert bleiben wir mit den Kindern stehen und schauen diesem Spektakel zu. „Da, da … ist wieder einer“, ertönt es immer wieder. Dazu wirken die abziehenden Wolken vor der Bergkulisse spektakulär. Alex versucht mit der Drohne die Wale „einzufangen“. 

Das Franschhoek-Tal

Bevor wir nach Kapstadt reinfahren, wollen wir einen kleinen Umweg über das Weingut Boschendahl machen, das 1685 als eines der ersten Güter im Franschhoek-Tal gegründet wurde. Das Besondere an diesem Weingut ist die biologische Ausrichtung, denn getreu dem Motto „Gesunder Boden, gesunde Trauben, bester Wein“ werden die Reben, die Fruchtbäume, die Kräuter und Gemüse biologisch behandelt. Alles kommt möglichst frisch auf den Tisch, was wir deutlich schmecken, als wir im Schatten der Bäume Wein und Leckereien probieren. Auch die Anlage mit ihren kapholländischen Herrenhäusern, dem ästhetisch angelegten Garten und die historischen Häuser sind bezaubernd schön. 

Im Hinterland der Garden-Route

Ich frage mich, wem diese unglaublich großen und luxuriösen Weingüter gehören und recherchiere. Ich sehe jede Menge schwarze Mitarbeiter, die die Gäste bedienen, die im Garten und an den Reben hart arbeiten. Doch die Produktion und der Besitz sind zum größten Teil in der Hand der Weißen. Von den ca. 4600 Weinfarmen sind nur etwa 30 im Besitz von schwarzen Farmern. Pioniere, die etwas gewagt haben. Die einfachen Steinhäuser am Rande der Weingüter sind für die Angestellten. 

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert die teilweise katastrophalen Bedingungen für die Farmarbeiter, vom Einsatz gesundheitsschädlicher Pestizide, unwürdige Unterkünfte, Hungerlöhne und die Bezahlung eines Teil des Gehalts in Weinrationen – was schon seit Zeiten der Apartheid verboten ist. Mehr dazu auf der Webseite von Human Rights Watch …

Feedback zur Garden-Route

Den außerordentlichen Hype um diese Garden-Route auf unzähligen Reiseblogs und in Reiseführer kann keiner von uns wirklich nachvollziehen. Dass das Wetter zu dieser Zeit etwas grau, nass und regnerisch war, hat sicherlich dazu beigetragen. Darüberhinaus stört es uns massiv, wirklich an jeden Naturreservat einen hohen Eintritt zu bezahlen. Wandern, Kanufahren, Mountainbiken und alle anderen Outdoor-Abenteuer müssen dadurch teuer bezahlt werden – wir sind gerne bereit, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen, aber eben angemessen. Die Autobahn auf dieser Strecke ist zwar gut ausgebaut, ist dennoch nicht das, was wir uns von einer traumhaften schönen Route versprechen. Es langweilt auch, ständig geradeaus zu fahren. 

Die luxuriösen und teuren Unterkünfte, das biedere Publikum, teure Restaurants, Villenviertel neben Townships und die Schwarzafrikaner, die trampend an der Autobahn stehen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, um von A nach B zu kommen usw. , das alles hinterlässt bei uns einen schalen Beigeschmack. 

Im dritten und letzten Blogbeitrag werden wir uns mit Kapstadt und der Wein-Route beschäftigen …

Von Auroville nach Agonda / Goa

Ob das Gepäck wohl in das Auto passt? Immerhin haben Saskia und Jürgen neben zwei größeren Rollkoffern auch jede Menge Handgepäck dabei. Saskia ist die Königin in Handgebäck-Aufgeben. Ihr macht da echt keiner was vor. Ist die Gewichtsgrenze fürs Hauptgepäck auf 15 kg limitiert, packt sie kurzerhand um in ihren in Rishikesh gekauften kleinen Rollkoffer. Dieser überschreitet gemeinsam mit dem restlichen Handgepäck das zulässige Gewicht von 7 kg bei weitem. Aber was soll’s? Sie wird am Flughafen von Chennai den Typen von SpiceJet schon was erzählen. Und tatsächlich, ihr Handgepäck wollen sie so nicht akzeptieren. Ohne Wenn und Aber gibt sie es einfach zusätzlich auf. 

Geschafft! Während unser Fahrer wie auch immer zwei große Rucksäcke plus die Rollkoffer verstaut, quetschen wir uns zu Dritt auf die enge Rückbank. Der große Jürgen sitzt vorne und unterhält sich die nächsten Stunden angeregt mit unserem Fahrer. Dieser scheut nicht davor zurück, uns alle auf unserer Route in ein Dosa-Restaurant einzuladen! Wie wunderbar! Am Flughafen angekommen verabschieden wir uns herzlich und vertreiben uns die lange Wartezeit bis zum Check-In, denn von Chennai nach Goa haben wir um 1 Uhr einen Nachtflug. In einem Irish-Pub verfallen wir der Bierlust, die uns teuer zu stehen kommt. Typisch Flughafen! 

Kurz vor Sonnenaufgang landen wir auf dem Dabolim Airport in Goa, der sich mitten in einer Modernisierungskur zu befinden scheint. Neue Gepäckbänder, Sitzreihen und Böden. Sogar Cafés und Restaurants bieten dem übermüdeten Gast Snacks und Kaffee an. Mit dem Prepaid-Taxi fahren wir für 1800 IR durch die Morgenröte nach Agonda, wo Saskia das Romya Guesthouse gebucht hat. Langsam aber sicher erwacht das Leben auf der Straße und in den Häusern. Es wird immer grüner und tropischer bis wir nach einer guten Stunde Agonda erreichen. Ich kann mich gut an die kleine Hauptstraße erinnern, die von vielen Souvenir-Shops gesäumt ist. Teiten, der Besitzer, begrüßt Saskia mit einem breiten Lächeln. Unsere Zimmer liegen auf der ersten Etage mit einer großen gemeinschaftlichen Terrasse. Wir entscheiden uns für das Zimmer mit Küche und Kühlschrank, Saskia und Jürgen nehmen das Zimmer mit Klimaanlage – wie sich später herausstellt – eine kluge Entscheidung. 

Agonda Beach – unsere erste Station in Goa

Als ich abends am Strand entlanglaufe, überkommen mich Freudentränen, wieder hier zu sein, ich kann es nicht fassen, wie schön es hier ist. Endlich wieder am Meer. Freue mich auf die Pause vom Reisen, auf einen ritualisierten Tagesablauf mit Joggen und Yoga. Ich treffe Rolf am Strand, umarme ihn und weine vor Glück. Zum Sonnenuntergang gehen wir ins Madhu, genießen ein Kingfisher und essen hier zu Abend. Der Kellner präsentiert mir die fangfrischen Fische und ich wähle mal den dicken Kingfisher aus. Dass er dann doch teuer wird, weiß ich noch nicht (1000 IR). Endlich mal wieder Fisch. Ich esse wirklich gerne Fisch. 

Wohlfühlprogramm mit Yoga und Joggen und …

Die nächsten Tage beginnen mit Joggen am frühen Morgen (Eve) und Yoga bei Amogh, einem indischen Yogalehrer, der im Avocado Guesthouse in der Shaka auf dem Dach praktiziert. In Ermangelung anderer Yogis – da Saisonende – stellt sich Amogh ganz auf unsere Bedürfnisse und Wehwehchen ein – im Prinzip Privatstunden. Auf dem Rücken liegend atmen wir tief in den Bauch, dehnen unsere Wirbelsäule diagonal und längs. Schwitzend halten wir die Posen, kämpfen und genießen, mit dem Ziel, uns hinterher so beweglich wie ein Akrobat zu fühlen. Wenn Amogh nicht kann, gehen wir ins Simrose zu Sabine, die Restoratives Yogaanbietet. Bei dieser Art von Yoga, die für uns auch neu ist, werden die einzelnen Stellungen lange gehalten, wobei der Körper mit Polstern, Kissen und Blöcken unterstützt wird, dass er gut entspannen und regenerieren kann. Restorativ bedeutet wiederherstellend oder heilend. Diese sanften Bewegungen durch Vorwärtsbeugen, Rückbeugen und Dehnen lösen Verspannungen unserer Wirbelsäule. Die erste Yoga-Einheit bei Amogh endet für Rolf bedauerlicherweise mit Schmerzen in seiner kaputten Schulter – er wollte wieder mal zu viel. So ein Mist!Wo er doch jetzt dem Yoga so entgegenfiebert. Dem Himmel sei Dank, denn Ibuprofen schafft Abhilfe. 

Restoratives Yoga bei Sabine

Sergej, eine Russe und eine Institution in Agonda, scheint der Maharadscha der Physiotherapeuten zu sein. Er ist bekannt wie ein bunter Hund. Neben dem rosa Häuschen geht man durch ein Gartentor, folgt dem Weg bis zu seiner Veranda und legt sich dort auf den Boden. Dort hat er sich mit Hilfe von Matten, Decken und Kissen, die auf dem Boden liegen, seine „Massagepraxis“ gebaut. Nach einem kurzen Gespräch mit Händen und Füßen angesichts seiner mangelnden Englischkenntnisse knetet, drückt, reibt und klopft Sergej meinen Rücken, meinen Po mit der Lendenwirbelsäule, die Beine hinunter bis zu den Füßen. Währenddessen jaule ich vor Schmerzen wie ein Hündchen oder entspanne mich wie ein Faultier. Hinterher geht’s mir immer besser. In gespannter Erwartung kommt Rolf um die Ecke. Auch bei ihm geht Sergej nicht zimperlich ans Werk. Weil Sergejs Terminkalender üppig gefüllt ist und er alsbald Agonda verlässt, ergreifen wir die Chance für zwei weitere Behandlungen.

Tagsüber flüchten wir vor der großen Hitze in schattige Restaurants, harren dort im schattigen Wind aus, bis die Sonne am Nachmittag an Kraft verliert. Dann werfen wir uns freudestrahlend in die recht hohen Wellen, schwimmen und beobachten die Leute auf den Body-Boards, wie sie darauf liegend auf dem Wellenkamm rasant schnell zum Strand gleiten. 

Unsere einzige Aufgabe am Abend ist es, ein passendes Strandrestaurant auszuwählen. Ein Sonnenuntergang ohne Kingfischer-Bier wird unvorstellbar. Die Restauranttester, Jürgen und Rolf, degustieren Chicken Vindaloo – der Name klingt wie das kölsche Karnevalslied „Lev Linda Lu“- in unterschiedlichen Varianten, während Saskia und ich den vegetarischen Spezialitäten wie Allo Gobi oder Jeera Alootreu bleiben. Raitaund Butterbzw. Garlic Naanwerden unsere konstanten Begleiter. 

Da die Schildkröten zur Zeit ihre Eier am Strand ablegen, ist es den Restaurants nicht erlaubt, Tische und Stühle in den Sand zu stellen, auch keine Sonnenliegen. Das ist zwar schade, aber verständlich. Auch wir haben das Glück eines Abends die frisch geschlüpften Schildkröten in einer Schüssel schwimmend zu sehen, die darauf warten, am Abend ins offene Meer laufen zu können. 

Auf dem Weg zu unserem Guesthouse ist es unvermeidlich von den Verkäufern mit „Hello Mister! You can have a look inside!“ angesprochen zu werden. Anfänglich mehrmals am Tag, später immer weniger. Verstehe wer will, warum es hier wirklich in fast jedem Shop das Gleiche gibt. Klangschalen, Götterfiguren, Elefanten, Schlösser, Schmuck, Batikkleider, T-Shirts und Hosen. Während die Kleidung vor rotem Staub dahingilbt, wird der Rest täglich mit einem Feudel gesäubert. Es vergeht kein Tag an dem die Verkäufer nicht ihre Regale, Bretter und Treppchen in mühevoller Kleinarbeit aufbauen, bestücken und spätabends alles wieder abbauen. Um der Langeweile mangels Kunden zu entgehen, schlagen einige die Zeit mit Kartenspielen tot. Mir persönlich ist es in den Läden eh viel zu heiß, da können sie so viele Ventilatoren anbringen wie sie wollen. Schon im Eingang läuft mir der Schweiß den Rücken hinunter.

Palolem-Beach

Nach ein paar Tagen bietet es sich an, mal nach Palolem zu fahren, zumal Rolf es noch gar nicht kennt. In Palolem habe ich 2016 meine Indien-Liebe entdeckt. Unser Taxi lässt uns an der Palolem Road raus, wo Saskia und ich die Klamottenläden in Augenschein nehmen. Rolf und Jürgen ziehen es vor, im Cuba die Happy Hour mit einem Mojito zu starten. 

Am Strand angekommen staune ich über die vielen indischen Familien und Paare, die hier scheinbar auch ihr Paradies entdeckt haben. Sie planschen wie Kinder in den Wellen, denn schwimmen können Sie eher weniger. Das ist auch der Grund für die permanente Präsenz der rot-gelben Lifeguards, die Bademeister am Strand, die mit ihrer Trillerpfeife allzu Wagemutige heraus pfeifen. 

Wenn die Sonne glühend rot im arabischen Meer versinkt, locken die Restaurants mit ihren liebevoll mit Kerzenlicht dekorierten Tische zum großen Candel-Light-Dinner. Im Restaurant Chascaa, das auf den Felsen an der Südseite thront, essen wir mit herrlichem Blick über die gesamte Bucht. Romantischer geht’s kaum! 

Palolem Beach

Warum Kühe in Indien heilig sind

Jeden Abend scheinen sich die Kühe am Strand zu einem Stelldichein zu verabreden. Wie auf Knopfdruck machen sie sich gegen 18 Uhr auf in Richtung Strand. Dort nähern sich auch schon mal einer herrenlosen Decke, dessen Besitzer sich gerade im Wasser tummeln. Eine Flasche Sekt mit zwei Gläsern sehen wir dort stehen. Als das Paar zurückkommt, ist ihr  Platz umringt von Kühen. Ratlos stehen sie davor. 

Wenn dann die großen Kisten mit den Essenresten der Restaurants zum Strand getragen werden, laufen sie alle los und ringen um den besten Platz. Jetzt wird klar, warum sie jeden Abend zur gleichen Zeit hierher kommen. Ach diese heiligen Kühe!  Sie gehören zum Straßenbild Indiens wie die Ampeln in Deutschland. Unbehelligt vom lärmenden Verkehr stehen, liegen und gehen sie herum, wie Speedblocker regeln sie dadurch den Verkehr, da sie immer Vorfahrt haben. Niemand darf sie behindern oder ihnen Gewalt antun, geschweige denn schlachten. Fährt jemand eine Kuh an, wird er hart bestraft. 

Ich frage nach, ob diese Tiere denn jemanden gehören. Ja, tuen sie … die Besitzer können sich meist nur kein Futter leisten. Wenn du für den heutigen Tag dein Karma etwas auffrischen möchtest, kannst du an einer Straßenecke von einer findigen Inderin Gras kaufen und die  daneben stehende Kuh füttern. Daneben suchen sich die Kühe aus den Abfällen der Straße und Märkte Essbares zusammen, denn davon gibt’s in Indien mehr als genug. Die Kuh als biologische Müllverwertung! 

Doch warum sind sie denn heilig?“, fragt Rolf mich. Ich gehe der Sache mal nach und finde Folgendes heraus: im Hinduismus nimmt die Kuh eine Sonderstellung ein. Sie gilt als Erfüllerin aller Wünsche, als die Mutter von Millionen indischen Menschen. Ihren heiligen Status hat die Kuh laut Mythologie Gott Krishna zu verdanken, da er eine zeitlang in einer Hirtenfamilie lebend von einer Kuh ernährt wurde. Für das Karma ist es zuträglich, die Kühe zu achten, zu ehren und sogar zu pflegen. In Mumbai habe ich selbst ein Altersheim für Kühe zu Gesicht bekommen.

Als Lebensspenderin gibt die Kuh fünf heilige Gaben: 

  • Das Ghee: ein Butterschmalz, das zur Zubereitung der Speisen verwendet wird aber auch für Lampen bei sakralen Zeremonien  und bei der Verbrennung von Toten.
  • Der Mist: für die Landbevölkerung ein wertvolles Brennmaterial und Düngemittel, aber auch zum Hausbau als Bindemittel zwischen Lehm und Stroh.
  • Der Urin: Mit seiner antiseptischen und heilenden Wirkung, wird er medizinisch verwendet, aber hat auch eine sakrale Bedeutung: z.B. jeder zum Hinduismus Bekehrte wird mit Urin bespritzt.  
  • Die Milch: der berühmte Chai, Tee mit Milch oder Milch-Tee, wird an jeder Straßenecke auf kleinen Kochern zubereitet, ist das Nationalgetränk Indiens. Alle trinken es, ob reich, ob arm, ob alt, ob jung.
  • Das Lassi: Lassi ist ein Joghurt-Getränk (natürlich auch ein Milchprodukt), das in der großen Hitze kalt und erfrischend ist.  

Nun wird wird deutlich, warum die Kuh für die Inder eine so große Bedeutung hat. 

Aberglaube – überall gegenwärtig 

Indien wäre ohne Aberglaube nicht das Indien, das wir kennen und mögen. Häufig wundern wir uns, verstehen nicht unbedingt alles, doch das macht es ja gerade aus in Indien. So viele abergläubische Rituale bestimmen hier den Alltag. Als Westler, die wir eh weniger Zugang zu solchen abergläubischen Praktiken haben, steht es uns nicht zu, darüber zu urteilen oder dies gar als Blödsinn abzustempeln. Wir jedenfalls mögen diese wunderlichen Rituale, deren Bedeutung wir gerne entdecken. 

Wenn allmorgendlich beispielsweise in Auroville die Tamilinnen aus farbigem Reis und Sand, Mehl und Blütenblättern ihre Muster (Rangolis) auf den Boden vor ihrer Eingangstüre gestreut haben, hat uns das sehr berührt. Eines Abends beobachte ich ein ca. 12jähriges Mädchen wie sie geschickt das Muster erzeugt. Wie schön, dass Großeltern und Eltern diese Kunstform und Tradition an ihre Kinder weiter geben. Natürlich sollen diese Rangolis vor dem bösen Blick (evil Eye) schützen und Glück bringen. Der Glaube an den bösen Blick ist vielen Kulturen verbreitet. Bei Kleinkindern und Babys werden zu diesem Zweck schwarze Punkte ins Gesicht gemalt, was schon etwas seltsam aussieht. 

Ein Mädchen gestaltet ein Rangoli

Bereits in Nepal haben wir uns über die schwarzen Gummischnüre an den Kotflügeln oder Stoßstangen der LKWs gewundert. Auch sie geben, wie die kleinen Altäre und Gottheiten wie Shiva und Ganesha, auf der Armatur der Autos göttlichen Schutz. Ebenso gelten die Schnüre mit aufgefädelten Chillis und Limetten (Nimbu-Mirchi) an Stoßstangen festgebunden oder vor Geschäften als Symbol für das Böse und darüberhinaus wehren sie Moskitos ab.

Auch die unzähligen Krähen, die wir eher lästig und laut empfinden, da sie mit ihrem ewigen „KAA, KAA, KAA, …“ das Getöse in Indien noch weiter befeuern, werden geehrt und gefüttert, das sie mit den verstorbenen Ahnen in Verbindung stehen. Einmal lassen wir für einen kurzen Moment die Bananen und Papayas auf dem Tisch auf der Terrasse liegen und schon machen sich die Krähen darüber her. 

Abschied von Saskia und Jürgen

Erst ein paar Tage vor der Abreise der Beiden realisieren wir, dass sich unsere gemeinsame Zeit dem Ende zuneigt. Wie schnell die letzten Wochen doch vergingen! Fast vier Wochen haben wir gemeinsam Indien bereist. Früher, als unsere Kinder noch klein waren, sind wir öfter gemeinsam nach Frankreich an die Ardéche gefahren. Doch begründet durch unsere beruflichen Wege und unser Engagement in unserer Arbeit und in der Familie, insbesondere für die Enkelkinder, hatten wir keine gemeinsame Urlaubszeit mehr. Um so mehr, sind wir so dankbar dafür, dass wir dies auf unserer Reise so umsetzen konnten. Diese Erlebnisse hier werden immer in unserer Erinnerung sein. Ein letztes gemeinsames Frühstück beim Nepali gegenüber. Mit Tränen in den Augen nehmen wir vor dem Tor unseres Guesthouses Abschied, als das Taxi erscheint. Wir drücken uns lange. Am liebsten wären wir mitgefahren. Ja, wir haben Heimweh! 

Vor dem Abschied noch ein Gruppenbild

Patnem Beach

Obwohl wir ursprünglich noch eine Woche bis zu unserer Abreise nach Südafrika in Agonda bleiben wollten, spüren wir Beide, dass wir nach dem Abschied einen Wechsel brauchen, zumal wir jetzt auch nicht mehr ohne Klimaanlage schlafen können. Da wir unser Zimmer mit Küche nicht aufgeben möchten, mieten wir das Zimmer nebenan mit AC dazu. Mit den weniger tauglichen Scootern fahren wir nach Patnem Beach und finden das Moonstar-Hutsam nördlichen Ende. Zwei Tage später ziehen wir um, was uns sichtlich guttut. Die einfache Holzhütte mit Terrasse für 1200 IR/15€ bietet alles, was wir brauchen. So hoffen wir, dass die Nächte hier kühler werden als in dem Haus in Agonda. Und tatsächlich die luftige Bauweise ist klasse. Endlich bleibt meine Haut auch nach dem Duschen noch trocken. Auf der Suche nach Yoga probieren wir das Hatha Yoga des Gurus im The Brothers. Der Beginn um 07:30 Uhr erfordert Selbstdisziplin, die Rolf auch an einem Morgen aufbringt. Angesichts der eher schnell wechselnden Asanas und des ruppigen Stils suchen wir weiter.

Das Moonstar Huts

Als wir im Chai-Shop an der Ecke zur Beach-Road Masala Omelette essen, kommt unerwartet Gabriella herein, die ich in den letzten beiden Jahren auch hier getroffen habe. Nach langem Plausch wird klar, dass wir fürs Yoga den Weg in den Dschungel nach Gurukul auf uns nehmen.

Die Gurukul Shala

Archays Yoga ist vedisch ausgerichtet und genau unser Stil. Schwitzend verbiegen wir uns, halten die Asanas lange und atmen tief ein und aus. Die positive Wirkung spüren wir gleich im Anschluss daran. So laufen wir jeden Morgen um 8 Uhr zuerst auf einen Kaffee in den Chai-Shop und dann gestärkt um 8:30 Uhr zum Yoga. Seit langem sehe ich vier bewegliche Männer im Kurs. Archays neue Shala mit seinem kleinen Tempel vorne ist wirklich sehr hübsch geworden. Insgesamt ist dieser Ort hier eine kleine Oase zum Wohlfühlen. 

Der Chai Shop

Das dritte Mal in Patnem und ich mag es immer noch sehr. Rolf freut sich nun auch auf kühlere Temperaturen in Südafrika. Wehmütig nehme ich Abschied. Wir kommen wieder – ganz bestimmt.

Auf unserem Reiseplan steht wieder ein komplett neues Kapitel, Afrika, mit dem Start in Südafrika und einem weiteren Familien-Treffen mit meinem Sohn Alex, seiner Frau Romina und den Kindern Luan und Noomi – wir freuen uns drauf …

Auroville – ein alternatives Lebensmodell und mehr als ein Dorf für Hippies und Freigeister

Auroville möchte eine universelle Stadt sein, in der Männer und Frauen aller Länder in Frieden und fortschreitender Harmonie leben können, jenseits aller Bekenntnisse, politischer Überzeugung und nationaler Herkunft. Aurovilles Aufgabe besteht darin, die wahre menschliche Einheit zu verwirklichen.

Mira Alfassa, Gründerin Aurovilles

Im Netz kursieren die wildesten Vorurteile von Sekte bis Kommune, in der die Halbnackten mit Blumenketten auf Gitarren klimpern. Denn neugierig wie wir sind, wollen wir uns selbst ein Bild von der sogenannten Stadt der Zukunftmachen. Rolf und ich sind weder esoterisch noch religiös, dafür offen für Neues. Immerhin haben wir acht Tage Zeit für Auroville. Bei meiner Schwester, Saskia,  die bereits zweimal in Auroville war, sind wir in guten Händen, denn sie weiß wie und wo wir beginnen können. 

Als erstes organisieren wir uns eine schöne Unterkunft am nicht so schönen Strand. Hauptsache Wind, denn es ist weiterhin heiß und feucht. Strände in Tamil Nadu laden weniger zum Verweilen ein, da sie erstens von Fischern und deren Booten und zweitens von der lokalen Bevölkerung als Toilette und Müllplatz genutzt werden. Mit unserem Taxifahrern durchforsten wir die Unterkünfte am Meer. Obwohl das Samarpan Guesthouse mit 3000 IR (39€) etwas über unserem Budget liegt, überwiegen die Vorteile so schwer, dass wir bleiben. 

Auch wenn es unser Budget sprengt – wir lassen es uns gut gehen …

Der italienische Besitzer hat hier eine für diese Gegend schön gestaltete mediterrane Anlage mit einem gepflegten Garten und Pool geschaffen. Um in das ca. 5 km entfernte und weitläufige Auroville zu kommen, leihen wir uns für die nächsten Tage vier Roller. Weil Auroville bargeldlos funktioniert, braucht auch jeder eine Auro-Card, die man im Guesthouse gegen eine Kaution von 500 IR bekommt. Diese müssen nur noch in Auroville  aufgeladen werden. Komisch oder? Bargeldloses Auroville und dennoch eine Geldkarte! Also jetzt aber endlich los. Helme auf die schwitzigen Köpfe und los geht’s. Vier Scooter hintereinander auf staubigen und buckligen Wegen in Richtung Hauptstraße, die mit ihrem tosenden und chaotische Verkehrsgewühle auf unsere erste Überquerung wartet. Denn gegenüber führt die Straße direkt nach Auroville. Wie sollen wir nur zu Viert hier rüberkommen? Schweiß rinnt unter dem Helm hervor. Ich schaue rechts, links, rechts links… jetzt rüber… ach nein… das reicht nicht… puh, wie anstrengend ist das denn! Rolf ist da durchsetzungsfähiger … 

Die eigentlichen Könige der Straße, die viel zu schnellen Busse und LKWs, lassen wir vorbeiziehen. Jede noch so kleine Lücke bietet einem von uns die Chance rüberzufahren. Endlich drüben, geht’s weiter voran immer schön im Fahrtwind kühlen. Das tut gut. 

Das Finanzcenter zu finden stellt sich uns als nächste Aufgabe. Keine Schilder, dafür kopfwackelnde Inder, die niemals zugeben würden, dass sie den Weg auch nicht wissen. Meine Schwester, die mit Mama Google nicht so eng verbunden ist, fährt nach Gefühl vorneweg. Komisch, sie kann sich doch nicht mehr so genau erinnern, wie gedacht. So wenden wir das ein oder andere Mal. Rolf schüttelt genervt den Kopf. „Eve, mach du die Navigation!“, höre ich ihn hinter mir. Während wir mit unseren Rollern über staubige, rote Pisten cruisen, begegnen und überholen uns permanent grauhaarige westliche Frauen wie Männer zwischen 50 und 70 Jahren. Sie scheinen zu den Pionieren von Auroville zu gehören, die hier vor 50 Jahren auf trockener roter Erde die ersten Bäume gepflanzt haben. Bis auf die German Bakery, die Pizzeria Tanto, das Café Bread &Chocolate und einigen Europäern auf E-Bikes sieht alles so aus wie sonst, nur mit weniger Müll. An der Rechtskurve hilft uns zur Orientierung der Shiva-Tempel mit ohrenbetäubender Musik. Nach dem Dorf Kuillapalayam säumen Bäume die Straßen wie eine Allee. Es wird immer grüner und dichter, die Luft immer frischer. Der Wind kühlt uns etwas ab. Der Verkehr ist bis auf ein paar gelbe Schulbusse und Lastwagen eher ruhig, so dass das Scooter fahren entspannt ist.

Unser Hunger treibt uns über rote Schotterpisten zur größten Gemeinschaftskantine von Auroville, Solar Kitchen.Hier stärken wir uns nach dem Aufladen der Karten mit gesundem Bio-Essen. Natürlich vegetarisch, natürlich leise – manche Tische sind mit einem Silence-Schild ausgestattet, natürlich selbst spülen. Rolf stochert etwas in seinem Gemüse herum. Es schmeckt ihm bedingt. Täglich werden hier über 1000 Mahlzeiten für die Schulen und andere Kantinen in Auroville vorbereitet. 

Im Visitor Center informieren wir uns anhand der Ausstellung und eines fortlaufenden Films über die Geschichte und die Philosophie Aurovilles. Uns wird klar, dass du viel Zeit und Mühe brauchst, um Auroville wirklich kennen zu lernen, sich das Konzept, die Idee, die Angebote und Möglichkeiten zu erarbeiten. 

Das kulturelle Angebot ist so vielfältig, dass es uns fast überfordert. Dutzende Workshops in den unterschiedlichsten Yoga-Stilen, Meditation, Ayurveda, Massagen, Feldenkrais, Hypnose, Kunst, Kino, Gärtnern, Astrologie, Om Chor, Fitness, Coaching, Tanzen, Sound-Baden oder ein Sound-Garten, Akupunktur, Capoeira, Kampfsport, Pranayama und einige Angebote zum Thema Alternative Energien und ökologische Landwirtschaft. Entweder suchst du auf der Homepage oder blätterst in dem Ordner im Visitor Center. Wegen der Hitze finden die meisten Veranstaltungen früh morgens oder am späten Nachmittag statt. 

Sound-Baden

Wir probieren das Sound-Badenan einem Abend. In der Mitte eines großen schönen Raumes liegen unzählige Musik- und Klanginstrumente. Matten mit Kissen liegen im Kreis bereit. Leise treten ca. 40-50 Interessierte ein und suchen sich ein Plätzchen. Während wir mit geschlossenen Augen auf den Matten liegen, lauschen wir den Klängen, die aus unterschiedlichen Richtungen kommend, eine Geschichte erzählen. Laut und leise, hell und dunkel, tief und hoch, wie Vögel, wie Gewitter, wie Frühling, wie Abend … Eine Stunde Klanggeschichte, eine Stunde verzaubern lassen vom Genusshören. 

Watsu – Wasser – Shiatsu

Was ist wohl Watsu, frage ich meine Schwester, als sie mir vorschlägt, einen Termin dafür zu vereinbaren.. Begeistert erzählt sie mir von ihren Erlebnissen, als sie das letzte Mal hier war. Na dann ist das auch etwas für mich. Das sollte ich mir doch nicht entgehen lassen. Im Internet lese ich, dass Watsu auf den Lehren des Zen-Shiatsu beruht. Die physikalischen Eigenschaften des Wassers werden dazu genutzt, den durch den statischen Auftrieb von der Schwerkraft entlasteten Körper passiv zu dehnen und zu strecken.  

Unsere Männer zeigen weniger Interesse an Watsu, folglich fahren wir ins Quiet-Healingcenter.  Watsu ist ziemlich gefragt. Doch an unserem letzten Tag in Auroville sollen wir doch noch in den Genuss dieser außergewöhnlichen Erfahrung kommen. Mit Schwimmsachen bepackt stehen wir um 12 Uhr auf der Matte. Vor der Therapie bekommt jeder von uns ein ausführliches Briefing von seinem Therapeuten über die bevorstehende Behandlung, z.B. welches Zeichen er uns gibt, wenn er uns ganz untertaucht. Zu diesem Zweck hat er eine Nasenklammer dabei, die er uns später in die Hand drückt. 

In 35 Grad warmen Wasser bekomme ich mit Auftriebskörpern an den Fußgelenken ein erstes Gefühl dafür, dass meine Füße nach oben wollen. Mein Therapeut, Pascal, steht im brusttiefen Wasser und hält mich unter den Armen fest. Ich soll die Augen schließen und nichts tun. Er bringt mich in die Rückenlage und trägt mich mich durch das Wasser. Indem er meine Beine anwinkelt, mich zur Seite dreht, die Arme nach oben und hinten durch zieht, dehnt er meine Beine, meine Taille, meine Arme, den Rücken, den Hals … alles ganz langsam. Ich selbst darf nichts aktives tun. Ich verlasse mich komplett auf ihn. Er zieht mich durch das Wasser, wobei ich die Strömung des Wassers spüre. Das Wasser streichelt meine Haut großflächig. Hui, ist das ein berauschendes Gefühl! Unter Wasser erklingt sanfte Musik. Ein vorgeburtliches Gefühl macht sich breit, als er mich in die Babystellung bringt und festhält. Die Beine über seinem Arm, mein Kopf an seiner Brust umschließt er mit dem anderen Arm meinen Oberkörper, zieht mich sanft durch das Wasser. So muss es im Mutterleib gewesen sein. Wow … wie wunderbar! Noch nie habe ich mich so geborgen gefühlt.Als er mir das Zeichen zum Untertauchen gibt, befestige ich die Nasenklammer. Ich hole tief Luft, er drückt mich tiefer nach unten, dreht mich zur Seite, zieht mich an einem Arm und einem Bein durch das Wasser und holt mich auch wieder nach oben. Ich atme aus… wow… so dunkel da unten, so ruhig und schwerelos… vielleicht fühlt sich so der Tod an… gar nicht so übel… das kann ja noch ganz nett werden.Immer wieder taucht er mich in verschiedenen Positionen unter, nie zu lange, nie unangenehm. Ich vertraue ihm total. Wie ein Wal gleite ich schwerelos dahin, tauche mal auf, um dann wieder im Dunkeln zu verschwinden. Nach einer Stunde entspanntes Dahingleiten in Schwerelosigkeit, komme ich mir beim Hinausgehen wie ein tonnenschwerer Elefant vor. Was für ein grandioses Erlebnis!  

Kleine Entstehungsgeschichte von Auroville 

Die Französin, Mira Alfassa, auch The Mother genannt, kam 1914 nach Pondicherry. Sie verwirklichte Sri Aurobindos Gesellschaftstheorie einer universellen Stadt. Sri Aurobindo (1872-1950), der von seiner Familie mit sieben Jahren nach England geschickt und dort in Englisch, Latein und Griechisch, in Geschichte, Geographie, Arithmetik und Französisch ausgebildet wurde, setzte sich nach seiner Rückkehr mit alternativen Lebensformen auseinander. Er forderte die vollständige Unabhängigkeit Indiens. Während er sich politisch weiter engagierte, wandte er sich verstärkt dem Studium der indischen Yoga-Lehren und Übungen zu. Sri Aurobindo, der Freiheitskämpfer, Poet und Guru entwickelte eine neue Lebensform, die er selbst als Integrales Yoga bezeichnete – Integral = umfassend; Yoga = Bewusstseinsentwicklung im Sinne einer modernen, zukunftsweisenden, umfassenden Bewusstseinsentwicklung. In Pondicherry gründete er einen Ashram, dessen verantwortliche Leitung er Mirra Alfassa, die er mit der Göttlichen Mutter identifizierte, vollständig übertrug, um sich zurückzuziehen. The Mother, Mira Alfassa setzte die Theorien des Philosophen Sri Aurobindo um. Sie war seine rechte Hand. Sri Aurobindo lebte bis zu seinem Tod 1950 zurückgezogen in seinem Haus und verfasste seine Philosophie in Büchern und Schriften. Bemerkenswert ist, dass die Beiden die Unterstützung vom indischen Staat und einer UNESCO Resolution bei der Umsetzung bekommen haben. Das war der Startschuss für das Projekt Auroville, die Stadt der Morgenröte. 

Auf dem Weg nach Auroville wird deutlich, dass Auroville keine dicht besiedelte Stadt ist, sondern aus über 100 Communities, die weit verstreut und zum Teil versteckt in den Wäldern liegen, besteht. Diese Wälder und Felder sind das Resultat unermüdlicher Pflanz-und Farmarbeiter, der ersten Pioniere vor 50 Jahren, denn das gesamte Land war abgeholzt, trocken, karg und rissig. Der Wind wehte vom Meer die braune Erde in die Gesichter der Pioniere. Dieser Wald ist heute die grüne Lunge, die für reichlich Sauerstoff und kühle Luft in dieser tropischen Hitze sorgt. Manche Communities zeichnen sich durch futuristische Architektur, andere durch einfache Hütten aus Holz oder einfachen mehrstöckigen Häusern. Die Communities verfolgen unterschiedliche Lebensmodelle und Schwerpunkte wie z.B. Kunstprodukte, Musik, Ökologischer Anbau etc. Jeder kann sich seine passende Community suchen und dort leben. Eigentum gibt es nicht. Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung gibt es dagegen zu Genüge. Das Sport-und Kulturangebot für die Aurovillianer und deren Kinder ist immens und kostenlos. Das beeindruckt uns sehr! Neben einem schönen Schwimmbad, in dem Eltern beim Babyschwimmen ihre Kleinsten ans Wasser gewöhnen,  befinden sich Tennisplätze und ein überdachter Basketballplatz. 

Auroville ist kein Ponyhof, kein Bildungsurlaub, keine Hippie-Kommune und keine Sekte. Auroville ist ein alternativer Lebensentwurf zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen internationaler Gemeinschaft und Individualität. Ohne Bürgermeister, Politiker, Autoritäten und Religion leben hier fast 3000 Aurovillianer in einer spirituellen und ökologisch-bewussten Gemeinschaft.

Auroville – ein Raum zum Experimentieren

Dass Auroville ein guter Ort zum Leben ist, ist uns nach den ersten Tagen bereits deutlich geworden. Ohne Polizei und Kriminalität, ohne Neid und Konkurrenz lebt man hier friedlich zusammen. Allein das kostenlose Kultur-und Sportangebot, das gesunde und frische Essen aus ökologischen Anbau, die E-Bike und E-Busse, die kostenlosen Kindergärten und Schulen, die Idee der Nachhaltigkeit usw. machen das Leben hier lebenswert. Die experimentierfreudigen Aurovillianer entwickeln alternative Energien (Biogas-, Solar- und Windenergie) und Ideen für ein nachhaltiges Leben. Sie betreiben ihre Landwirtschaft ökologisch. Sie backen Pizza oder Kuchen, stellen Mozzarella und anderen Käse her. Die Produkte, die in Auroville produziert werden, können nicht nur in Auroville, sondern auch in den umliegenden Supermärkten gekauft werden. Eingekauft wird hier übrigens unverpackt. Ganz modern und selbstverständlich! Jeder bringt sich für das Gemeinwohl mit ein, ganz im Sinne der Gründer.

Aurovillianer können ohne einengende Normen und Verbote ihre vielfältigen kreativen Fähigkeiten überall einbringen. Vieles ist möglich … einfach mal anfangen! Auroville ist ein Projekt, in dem ständig  Neues ausprobiert wird, ein Prozess, dessen Ende offen ist. Dazu gehören Fehler, Scheitern, Frustrationen und Neubeginn. Diese positiven Fehlerkultur, an der es in Deutschland mangelt, ist der Motor für Fortschritt und Kreativität. Auroville wird auch als Stadt der Zukunft bezeichnet, als Vision einer neuen Welt, in der neue Lebenskonzepte erforscht und erprobt werden. Besuchergruppen aus der ganzen Welt, Studenten der Architektur, der Agrarwissenschaft, der Pädagogik usw. besuchen und lernen in Auroville.  

Viele, wie beispielsweise unser Guide, nehmen in Chennai ein Studium auf und kehren anschließend wieder zurück nach Auroville, um hier zu arbeiten. Ein Leben außerhalb von Auroville scheint unvorstellbar. Apropos Arbeit… in Auroville arbeitet man maximal 5-6 Stunden pro Tag. Was jeder arbeitet, mit welchen Ressourcen er sich einbringt, entscheidet jeder Aurovillianer für sich. Jeder erhält ein Grundeinkommen von ca. 150€, wovon er die Hälfte in Auroville ausgeben muss. Eigentum und Besitz gibt es nicht. Wenn jemand hier ein Haus gebaut und viel Geld investiert hat, hat er zwar ein Wohnrecht, aber kein Eigentum. Manche der selbstständigen Aurovillianer, die beispielsweise Restaurants, Geschäfte, Gästehäuser betreiben, müssen 30% ihrer Einnahmen abgeben. Die Idee eines geldlosen Systems konnte noch nicht in Gänze umgesetzt werden, da Dienstleistungen von außen notwendig sind. Geld kommt schon alleine dadurch in Umlauf, dass jeder Novize sich hier selbst finanzieren muss. 

Matrimandir – das spirituelle Zentrum

Unser Guide, Mister B aus Amerika, der eigentlich Bill heißt, aber das „ill“ irgendwann gestrichen hat, zeigt uns das spirituelle Herz Aurovilles, das Matrimandir, das Meditationszentrum, das von einem stilvoll angelegten Garten in Form einer Galaxie umringt ist. Wiesen, Wege, Beete, Büsche und Wasserläufe sind geometrisch angeordnet. Der Prozess muss Jahrzehnte gedauert haben. Diese goldene Kugel löst unterschiedliche Assoziationen aus … wie ein UFO… wie ein goldenes Ei… thront sie etwas erhoben über diesen grünen Garten. 

Matrimandir – das spirituelle Zentrum von Auroville

Im Inneren erfahren wir mit weißen Socken bestückt, welche Ideen Mira Alfassa mit dem Bau dieser Kuppel umsetzen wollte. Wir wandeln einen spiralförmigen Weg nach oben. Ganz still und leise schreiten wir in dieser Menschenkette andächtig nach oben mit Blick auf den Lichtstrahl aus der Decke, der schnurgerade abwärts strahlt. Oben angekommen wird es kühler. Wir betreten etwas aufgeregt den weißen Meditationsraum. Wir staunen, wie groß und rund er ist. Alles ist weiß, selbst die Meditationskissen auf dem Boden. In der Mitte fesselt eine Glaskugel, die auf einem goldenen Ständer ruht, direkt unsere Aufmerksamkeit, denn das Sonnenlicht, das durch drei Spiegel gebündelt wird, durchdringt aus einer Öffnung in der Decke wie ein Laserstrahl die Glaskugel. Leise nehmen alle nach und nach Platz und versinken in Meditation. Mit Blick auf die durchsichtige Kristallkugel, in der sich das Sonnenlicht und die Wolken von oben spiegeln, meditieren wir ca. 20 Minuten. Wir fühlen uns so klein, angesichts dieses Universums um uns. Dieser weiße runde Raum mit einem Kreis aus zwölf weißen Säulen, die einfach so in die Luft ragen ohne etwas zu tragen, berührt und bewegt. Keine Frage. 

Ein plötzlich auftauchender greller Lichtstrahl, das Zeichen für das Ende der Mediation. Schweigend stehen alle auf und laufen die Spirale wieder andächtig hinunter. Draußen in der Sonne sehen wir, dass das Matrimandir von zwölf Meditiationsräumen umgeben ist, die wie Blütenblätter die Kugel umschließen. Diese runden Räume dienen ebenso der Meditation. Hinter dem Matrimandir in dem Amphitheater, in dem vor einigen Wochen die große Feier zum 50jährigen Jubiläum stattgefunden hat, befindet sich die steinerne Lotusblume, in dessen Inneren haben die ersten Pioniere eine Handvoll Erde aus über 120 Ländern gestreut. In dem Park befindet sich ein riesiger uralter Banyanbaum mit Luftwurzeln, die ihn in der Breite tragen. Ein einziger dicker Stamm und viele Dünnere bilden ein kleines Wäldchen. Wie lange Arme bilden sie eine Art Schirm. Die Äste bilden, wenn sie immer länger werden, diese Luftwurzeln und bilden dadurch eine neuen Stamm. Ein wunderbarer schattiger Platz in diesem Garten. Dieser Baum dient unter anderem als Metapher für die Lehren der Begründer.

Aurovilles Kindergärten, Schulen und weitere Projekte

 Selbstverständlich möchte ich als Berufsschullehrerin, die ErzieherInnen ausbildet, auch einen Kindergarten besuchen. Das dies den Rahmen hier sprengen würde, habe ich meine Erlebnisse dort in einem separaten Blogpost neben einigen weiteren nachhaltigen Projekten in Auroville niedergeschrieben. Ihr findet den Beitrag hier …

Auroville – ein Fazit

Das Ziel, dass der Mensch in Harmonie und Einklang mit sich selbst und der Natur lebt, fasziniert uns selbstverständlich. Wer wünscht sich das nicht? Auroville ist ein Zentrum für Innovatoren und Veränderer, die an einem kollektiven Klima positiver Entwicklung und Fortschritt interessiert sind, insbesondere in den Bereichen nachhaltiges Leben und umweltfreundliche Praktiken. Ob Auroville als Wegbereiter und Vorbild auf die große Welt draußen einwirken kann? 

Acht Tage reichen wahrlich nicht aus, um tiefer in Auroville einzutauchen. Beim nächsten Mal würden wir eher in einem Guesthouse in Auroville wohnen wollen, um einfach mehr an den kulturellen Angeboten teilhaben zu können. Da es im März schon sehr heiß und feucht ist,  würde ich lieber früher hierher kommen. Ich wünsche mir, dass unsere Städte für alle Bewohner und Kinder kulturelle Veranstaltungen, Sportangebote und den öffentlichen Nahverkehr kostenfrei zur Verfügung stellen. Wie? Ganz einfach… die Reichen höher besteuern!

Was haben wir sonst so gemacht?

Rolf und ich wollen mal das Meer von Nahem sehen. Die rauhen Wellen und die vielen Fischerboote, in welchen die Inder stehend über das Wasser treiben, haben wir von unserer Terrasse beobachten können. Also folgen wir dem Weg zum Strand, der rechts und links voller Müll ist. Doch was ist das? Wir trauen unseren Augen nicht. Keine Touristen, dafür Fischerboote. Keine Liegen oder Schirme, dafür Müll und Bauschutt. Der Strand in Tamil Nadu gehört gehört eindeutig den Tamilen, deren Haut extrem schwarz ist. Mangels Toiletten zieht sich der Inder schnell den Dhoti hoch und flupps verschwindet die Kacka im Meer, mit der Hand noch schnell nachgewischt und fertig. Abends und morgens ist hier High Season. An anderen Stellen riecht es nach altem Fisch oder Müllresten. Überall sehen wir vom Meer zerstörte Häuser und Mauern. Einige haben ihre komplette Lebensgrundlagen verloren. Die Inder erklären, dass durch den Bau des Hafens in Pondicherry jedes Jahr die Wellen näher an Ufer kommen und Sand abgraben. Dabei ist ihre Zerstörungskraft so groß, dass sie ganze Häuser mitreißen. Entsprechend sieht es aus wie auf einer Baustelle. Unser Spaziergang ist schnell beendet. So ist es eben. Für die Tamilen hat der Strand keinen touristischen Wert. Für sie hat er andere Funktionen. 

Die Zerstörungen sind schon gewaltig

Da es in unserem Resort kein Restaurant gibt, werden wir Stammkunde der Pizzeria Tanto, die einfach die besten und knusprigsten Pizzas hinzaubert. Das beste ist, sie liefern auch noch. Zur Krönung des Abends geht nur noch ein Tatort und ein Bier. Leichter gesagt als getan. Mit Rolf fahre ich sogar über 10 km bis nach Pondicherry, um in einem Alkoholshop einen Vorrat an Gerstensaft zu ergattern. Mit schweren Rucksäcken geht’s zurück. Und der Tatort? Das ruckelige Wifi bewirkt Pausen und Wiederholungen. Was soll’s. Hauptsache, wie zu Hause, zumal mit Schwester und Schwager. Einfach gemütlich! Manchmal braucht man das als Langzeitreisende.

Tatort gucken …

Selbstverständlich steht Pondicherry auch am letzten Abend auf unserem Programm. Zusammengequetscht in einem Tuktuk düsen wir zu viert ins 10 km entfernte französisch geprägte Städtchen. Ganz anders sehen die Häuser und Straßen hier aus. Irgendwie ordentlicher, schöner angestrichen, wobei mir die grau-weißen Häuser nicht so zusagen. Auf der Strandpromenade zu flanieren, ist hier Pflichtprogramm. Liebespaare auf Bänken, Familien mit Kindern und viele Franzosen schlendern hier entlang. Die Hotels und Restaurants wirken mondän und wie aus einem anderem Film. So chic! Am Ghandi-Denkmal vorbei entdecken wir Kunstwerke. Hier sind Porträts von berühmten Menschen auf geflochtenen Palmblättern gemalt. In einem französisch gestyltem Restaurant essen wir draußen im Garten. Wie üblich, schwitzen wir und bitten darum, den Ventilator – auch draußen – anzustellen. Sogar kaltes Bier wird uns serviert. 

Am nächsten Tag geht es zurück nach Chennai, um von dort zu unserer letzten Station in Indien, Goa, weiter zu reisen …   

Ein Dorf im Dschungel

Ein Gastbeitrag von Jürgen Wojke

Kalkutta, Weiberfastnacht 2019

Es zwitschert. Nach der regnerischen Nacht taucht die Morgensonne unser Viertel in milchiges Licht.  Die weitläufige Wohnung offenbart nun doch eine gewisse Freundlichkeit. 

Bei der Ankunft im Dunkeln am gestrigen Abend empfand ich unser neues Domizil für die nächsten 7 Tage zunächst als bedrückend mit seinen matten Farben und Formen.  Relikte erstarrten künstlerischen Lebens. Vielleicht war es auch der Müdigkeit und Erschöpfung geschuldet.

Überall Bilder und Stoffe aus einer Epoche der 60er. Schon an der Haustür empfing uns ein Plakat des 23. Filmfestivals von Kalkutta von November 2018, in das die Besitzer dieses Hauses oder der Wohnung involviert zu sein scheinen. Die Möbel dunkel und spartanisch, verlieren sich in den riesigen Räumen, an deren Decken 10 alte  vergilbte Ventilatoren dafür sorgen, dass sich die Schwüle besser verteilt. Noch sind sie aus, denn perfekte 22°C sind das angenehme Nebenprodukt einer großzügigen  Regenfront.

Kalkutta ist nach Delhi, die zweite Station des 5wöchigen Urlaubs und beide Städte sind für mich Neuland. Neuland ist auch Saskia, die ich schon 2 Monate nicht sah, was in dem kurzen Leben eines Mannes mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 78 Jahren (EU-Bürger) schon eine messbare Größe in einer farbigen Zeitstrahlgrafik  wäre. 

Aber den zeitweiligen Verlust glich das elektrisierend wuchtige Wiedersehen vor dem Delhi-Terminal einige Nächte zuvor mehr als aus. Die letzten Twittereien vor meiner Kontinentenüberquerung widmeten sich überwiegend der Frage, ob der indische Verhaltenscode, eine heftige Umarmung oder gar weltvergessene Küsse zulässt. Tut er nicht oder nur um den Preis größer öffentlicher Aufmerksamkeit und möglicher polizeilicher Ermahnungen. Extase inside please! 

Glück kann sich dermaßen verdichten, genau wie Geschichte in Momenten von Revolutionen, Atombombenabwürfen, Staatsstreichen oder um noch was geschichtliches Schönes anzuführen, das plötzliche Ende von Diktaturen oder dem Auftauchen von Grete Thunberg. 

Auch die Hauptstadt selbst war aufregend mit ihrer Mischung aus Moderne, bäuerlichem Mittelalter und Vorindustrialisierung, verzweifelter schmutzigster Armut, selbstzufriedenem mittelständischem Wohlstand und arroganter Abgehobenheit der Eliten. Der Duft, die quirlige Geschäftigkeit in jeder Pore des Molochs Delhi, bei der selbst das „h“ steht, wo man es nicht vermutet.

3 Tage später. Der Anflug auf die nasse Metropole Kalkutta war aufregend. Im sattgrünen Umland schien alles unter Wasser zu stehen. Die Wolken verdichteten sich zu einer dunklen schwarzen Wand 

Der Flieger trudelt durch das Inferno, wird hin und her geworfen. Um uns herum grauschwarzes Dunkel. Die Ohren melden unheimliche dumpfe Stille. Wir verlieren geplant an Höhe und setzen trotz der Böen erstaunlich elegant nahe am Terminal auf. 

Der erwartete und nun entfesselte Regensturm treibt die Wassermassen über das in schwarzes Theaterlicht getauchte Flugfeld. Dazwischen Blitze. Wir stehen in unserer warmen Delhi-Februar-Kleidung auf der indigofarbenen Gangway in feuchter Schwüle und warten auf den Transfer-Bus. Eine kurze Fahrt. Wir sind am freundlichen Terminal, ein kurzer Weg und das Gebäckband 3, es wurde im Flieger schon vorausschauend wie immer als unser nächstes Ziel genannt, ließ alle Koffer der bunten Reisegesellschaft des Fluges W 233 vor unseren Augen karussellieren.

Vor dem Gebäude das übliche Airport-Gewimmel aus Fahrgäste suchenden Taxisten, Hotelboten, Freundinnen und Angehörigen der Ankommenden. So schnell wie das Unwetter gekommen war, überließ es den nassen Flughafen nun der warmen Nachmittagssonne für kurze Zeit. Saskia organisierte ein Prepaid-Taxi. 

Der ärmlich wirkende junge Fahrer lud unsere 3 Gepäckstücke in den rostigen Kofferraum des alten gelben Taxis aus der Kolonialzeit. Er ließ sich telefonisch von unserer Vermieterin kurz den Weg auf die andere Seite der 20 Millionen Metropole beschreiben und fuhr los.

Ich fragte mich derweil, warum wir immer die kühnsten Draufgänger mit den klapprigsten Fahrzeugen bekommen. Er entschied klar jedes Rennen in dem chaotischen Gewühl aus Blech und Menschen in der kommenden spannenden Stunde für sich, bog unvermittelt von den Hauptverkehrsadern ab, raste durch enge unübersichtliche Shortcuts, um sich in der nächsten Avenida sofort wieder zu erobern, als wenn wir zur Entbindung müssten. 

Wir fühlten uns angstfrei und gut aufgehoben, da alle Sinne des Profis am Steuer konzentriert zusammenarbeiten, er zielstrebige Ruhe verströmt und das dicke Blech aus des alten englischen Taxis, herkömmlichen Knautschzonen überlegen scheint.

Der Regen hatte wieder eingesetzt, die Dunkelheit auch. Der kleine Scheibenwischer arbeitete hektisch auf der gesprungenen Frontscheibe. Angenehm kühl tropfte es mir  aus dem Motorraum auf die Thrombosestrümpfe, die samt Füßen in Trekkingsandalen steckten. Ein echter Anblick.

Wir durchquerten eine Stunde lang diese grüne Oase. 2-5stöckige verwohnte und vom Monsun eingegraute, vermooste Wohnhäuser, mit praller Geschäftigkeit im Erdgeschoss und in unzählbaren Läden mit Anbietern aller erdenkbaren Dienstleistungen und Waren.

Irgendwie, wie ein unendliches Ehrenfeld, nach dem Zusammenbruch  der Kölner Stadtverwaltung und einer unfähigen Politik, die vor den Anforderungen der Zeit und der periodischen Feuchtigkeit kapituliert und den Menschen der Stadt die Initiative überlassen hat. Außer Moosgrün, grau und schwarz sind alle Wandfarben ausgegangen. Aber sonst gibt es alles und irgendwie geht es immer weiter. 

Alles von Menschen zusammengemauert und Gezimmerte lebt in harmonischer Symbiose mit einer üppigen tropischen Flora und wehrt sich schon im Entstehen  nicht gegen seine fortwährende Zersetzung durch Moose, Schimmelpilze, Autoabgase und den allgemeinen Schlendrian. 

Manchmal erhebt sich die Straße über die Unendlichkeit aus Bäumen und Häusern und überquert Bahngleise oder andere Verkehrsachsen.

Uns erstaunt eine kollektive Anstrengung aller Fahrerinnen und Fahrer um die Stadtluft Kalkuttas zu verbessern. Sie schalten bei jeder Ampel und jedem Halt den Motor ihrer Fahrzeuge aus, sofern es nicht automatisch geschieht. Für mich eine bewegende Initiative in diesem 20 Millionendorf. 

Eine weitere bewegende Beobachtung ist die Liebe zum Grün und die Fürsorge für Vögel und Hunde. Wo ein Pflänzchen wächst, wird es gehegt, selbst wenn es dann 30 Meter Höhe erreicht. Überall auf den Bürgersteigen sprießen Bäume aus den zerberstenden Steinfließen und zwingen die Bewohner auf die Fahrbahn. Häuser werden um Bäumer herum gebaut und in den Dächern werden Öffnungen für die Stämme gelassen. 

Noch ganz gefangen im großen Staunen, biegen wir plötzlich an einer kleinen Filiale der Syndikat-Bank in ein bürgerlich  wirkendes Viertel ein und stehen 2 Minuten später vor unserem jetzigen Zuhause. 

Im Parterre befindet sich ein Paketversand, in dem sich zahlreiche in weiße Säcke eingenähte Warensendungen zu Haufen kuschelig zusammengefunden haben. Eine ausschließlich Hindi sprechende kleine freundlich aber energische Dame ruft aus dem 1.Stock, dass wir hinauf kommen sollen. Unser junger Fahrer hilft uns mit dem Gepäck und wir „checken“ ein.

„Und wenn dat Trömmelsche jeht, dann stonn ma all parat…“ werden am Alter Markt, die ersten Jecken aus heiseren Kehlen dem schlafenden Kölle zujesungen haben, als wir uns gegen 9 Uhr von unserem harten Lager erheben. Der indische Mensch liebt es hart im Bett, warum auch immer. 180 Quadratmeterwohnung, 10 Ventilatoren, 2,50 Meter breite Matratze, aber hart soll sie sein, wie ein Brett mit Decke drauf. 

Am Vorabend sind wir auf der Suche nach etwas Essbarem im 4. Stock einer Shopping-Mall gelandet, die wie ein steriler glitzernder Fremdkörper aus dem natürlich gewachsenen grünen Viertel ragte. 

Zuvor suchten wir in der Umgebung unseres Stadtteils ein kleines Restaurant. Aber wir fanden keins, nur unzählige Essensstände mit Street-Food. Als wir sahen, dass jemand den Topf in einer Pfütze spülte, fühlten wir uns dafür noch nicht bereit und entschieden uns für die Mall.

Unerwartet lecker und nicht überteuert wurden neben Kentucky Fried Chickens  knusprigen Hühnerleichenteilen auch landesübliche Gerichte wie Birjani, eine würzige Reisspeise mit Nelken, Kardamonkapseln und Sternanis  und Dal das überall präsente Linsengericht, angeboten und zum ersten Mal in my live probierte ich, im Gegensatz zu den meist geschmacklosen Eiweißwürfeln aus Sojabohnen, erstaunlich leckeren Tofu. Er hatte die Form und Konsistenz von Mozzarella und ihm fehlte die typische Tofu-Penetranz. 

Im Keller fanden wir einen Supermarkt mit der größten Personaldichte auf dem Subkontinent. Dutzende junge Verkäufer standen ohne wirkliche Aufgabe zwischen den Regalen des Selfservicebetriebs, griffen wahllos in die Regale und Tiefkühltruhen, nahmen gefrorenen Tintenfisch, eingepackte Tomaten oder Ketchup  und priesen es uns an. Für uns, aus einer Rewe- und Aldi-Welt Kommenden eine neue Erfahrung.

Saskia war nach 8 Wochen des Verzehrs der Nr.128, Vegetable Curry nach königlicher Art, heiß darauf, mal wieder Pellkartoffel mit Quark oder Spagetti Olio-Aglio zu probieren und so waren wir glücklich nach einer Weile mit den erforderlichen Zutaten den Laden zu verlassen, nicht ohne dass ein Wachtposten nochmal überprüfte, dass wir nur die 5 Teile im Beutelchen hatten, die auch auf der Rechnung standen. 

Gegen 11 Uhr am heutigen Morgen, der Alter Markt müsste sich schon mit Frohsinn gefüllt haben, nahmen wir ein Taxi zum Office der Jet Airways in der  7 km entfernten Park Street. 

Die Airline hatte uns am Dienstagabend um 19 Uhr, als wir grade mit der Kleider- und Schmuckhändlerin Lori aus Dunkerque am nordfanzösichen Atlantik in einem Rooftop-Restaurant Vegetable Curry aßen, über eine SMS den Kalkutta-Flug für den nächsten Nachmittag gecancelt und uns eine 2tägige Indienrundreise über Mumbai als Alternative angeboten, die dann auch letztlich in Kalkutta enden würde, die allerdings schon in 11 Stunden am nächsten Morgen um 6 beginnen sollte. Als Hintergrund wurden Sperrungen des Luftraums wegen der Bombardierung von Separatisten in Kashmir, aber auch die finanzielle Schieflage von Jet Airways genannt. 

Wir buchten spontan bei der Indigo- Airline um so ohne Rundreise in 1 Stunde und 40 Minuten zu einer menschlichen Nachmittagszeit ins nahe Kalkutta zu gelangen. Nun versuchten wir von Jet Airways den Ticketpreis zurückzubekommen. Vielleicht mit Erfolg, wie sich noch herausstellen muss.

„Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine…..“ dudelt Vico Torriani aus Rolf‘s JBL-Box. In der Nacht sind  Eve und Rolf unsere medientechnisch hochgerüsteten Weltreisenden mit einem Tag Verspätung angekommen und haben nun unsere Möglichkeiten der Orientierung, Zielfindung, Musik- und Filmverfügbarkeit und des Infozugriffs enorm ausgeweitet. 

Die Wiedersehensfreude mit den beiden  war riesig und wir erzählten bis in den frühen Morgen. Erstaunlich war aber auch die Tatsache, wie schnell es uns so normal vorkam, dass sie wieder da sind.

Nun  sitzen wir also auf der kleinen andalusisch-blumenbestandenen Außenterrasse unter dem Mangobaum, der den Innenhof, den die benachbarten mehrstöckigen gepflegten Häuser bilden, überspannt. Wir hören italienische Schlager aus den 60ern, nachdem  Saskia‘s Mutter im zuvor geführten Telefonat in die Klinik von Volmarstein, (hier gab‘s ein neues Knie) dieser Song einfiel und damit das Stichwort zu dem Torriani-Evergreen gab. 

Hinter uns liegt ein anstrengender Erkundungstag. Zu Fuß von unserem Lake-Garden-Viertel zur lokalen Bahnstation, dann um den See, der dem „Lake Garden“ – Viertel den Namen gab zur einzigen Metro Kalkuttas, die die Stadt von Süden nach Norden durchkreuzt. 

Eine Diskussion mit 4 Männern, welche Station am nächsten zum Hoogli-Ufer, einem Gangesarm liegt. „Mahatma Ghandi“ ist der Kompromiss, auf den sie sich einigen.

Die Metro füllt sich, umso weiter wir in den urbanen Norden kommen. Die Luft ist frisch. Viele Plätze sind für Frauen und Senioren reserviert. Wir steigen aus der U-Bahn und finden uns in absoluter Geschäftigkeit wieder, im großen Basarviertel an der Horwrah-Brücke, wie wir später herausfinden. Hier beziehen die Einzelhändler Kalkuttas ihre Waren her und so sieht es auch aus.

Verschwitzte teils ausgezehrte, teils auch kräftige Männer in kurzen Hosen oder Dotis, den auch in Tamil Nadu gern getragenen Wickelröcken, mit Kisten, Ballen und Paketen auf dem Kopf, Fahrrad-Rikschas mit eleganten Fahrgästen, aber auch vereinzelte von Menschen gezogene Rikschas ziehen an uns vorbei. 

Wir wollen mehr von diesem Indien-Extrakt,  drängen uns durch den Strom hupender Autos, Laster, Busse und Mopeds auf die andere Seite einer breiten Straße in eine Gasse. Überall Lastenträger in Reihe hintereinander wie Blattschneideameisen winden sich durch die menschenvollen Straßen. Dazu bahnen sich  hochbepackte Fahrräder, Karren, und undefinierbare Gefährte ihren Weg. Verstaubte martialisch anmutende riesige Laster werden entladen.

 Rechts und links kleine Läden mit Obst und Süßigkeiten in baufälligen 5stöckigen Häusern aus viktorianischer Zeit, die Mauern teilweise abgestützt. Eine „The Day after“-Atmosphäre oder auch eine Zeitreise ins New York, London oder Hamburg um 18hundert. Wir trinken heißen Milchtee aus Einweg-Ton-Gefäßen an einer Ecke, die am matschigen Boden ihr Ende findet.

Unendliche Lagerräume erstrecken sich wie Termitenbauten in den Erdgeschossen baufälliger mehrstöckiger Häuser aus der Kolonialzeit.

 Stoffe, Früchte, undefinierbare Waren werden in großen Mengen eingelagert, um gleich wieder portioniert in den Besitz kleiner Händler zu wechseln. Der Duft von Räucherkerzen, Gewürzen, Garküchen mischt sich mit Spuren von Urin und den Abgasen der wendigen Motorräder. 

Alles ist unwirklich für westliche Augen. Über mehrere 3 spurige Straßen, die auf der Howrah-Brücke zusammenfinden und den ungeduldigen Verkehr darauf  zu führen versuchen, gelangen wir mit Mühe  an das Flussufer. 

Hier ist Ruhe. Männer in fleischfarbigen halbtransparenten Unterhosen oder hochgezogenem Wickelrock und Frauen in Saris waschen sich im schlammigen graubraunen Hoogli-Wasser. Es wird heilig sein, wie das, des Hauptstromes „Ganges“. Wir knipsen uns vor der Howrah-Brücke, die beide Kalkuttahälften verbindet.

In der gesamten Metropole scheinen sich nur sehr wenige westliche Menschen, bzw. überhaupt Touristen aufzuhalten. So fallen uns 2 chinesische ältere Paare auf, die sich sicher in diesem Ambiente in das alte China zurückversetzt fühlen und vielleicht mit der rasanten Entwicklung in ihrem Land vor Augen denken mögen, „was nützt mir die Demokratie, bzw. das Wahlrecht, wenn es dann so aussieht?“

Parallel zum Flussufer verlaufen Schienen. Der regelmäßig verkehrende Zug macht sich durch eindringliches Hupen bemerkbar und passiert diese Strecke mit großer Vorsicht im Schritttempo, um die vielen Frauen, Männer und Kinder, die die Gleise  ständig bevölkern, nicht zu gefährden. 

Eine Bahnstation am Fluss heißt „Garden Eden“ Hier wohnen viele Menschen direkt an den Gleisen in Verschlägen aus Pappe, Decken und Plastik. Halbnackte Kinder spielen wie selbstverständlich zwischen den Schienen, als wäre es das Bällebad eines Möbelhauses. Dieser „Garten Eden“ ist auch eine der ersten Stationen der Menschen, die vom Land vertrieben wurden und nun versuchen, hier neu anzufangen. Für manche auch die Letzte.

Wir laufen über von nicht zu verarbeitenden Eindrücken und Gefühlen, Stimmen, Geräuschen, Farben, Hupen, Düften und Undüften, von schönen Bildern und Unfassbarkeiten. Wir müssen da raus, aber das ist nicht so schnell zu machen.

Das viele Quadratkilometer umfassende urbane Zentrum der Metropole lebt in nicht gekannter mehrdimensionaler Intensität. Viele Häuser, aber auch die Bürgersteige, die Wasserrohre,  die Stromkabel, die Abwasserrohre, die Verkehrsschilder scheinen im Verfall begriffen, und werden einzig durch den Willen der Millionen Menschen, sich hier tagtäglich zu behaupten versuchen, und durch das Wurzelwerk unzähliger Bäume zusammen gehalten.

Hunderttausende Zuwanderer aus dem Umland kampieren auf den Bürgersteigen im  Zentrum, errichten dort Hütten in Sichtweite des Regierungssitzes, ziehen Mauern hoch, die sie mir Blech und Plastik gegen den tropischen Regen und die Sonne bedecken und versuchen sich in dieses filigrane Räderwerk einzufädeln meist durch einfachste Dienstleistungen.

 In jeder Nische, in winzigen Räumchen, Eckchen, Lücken, sitzen Köche, Händler und Handwerker im Schneidersitz zwischen ihren dampfenden Töpfen, aufgerollten Stoffen, offenen Farben, sauber gestapelten Zahnrädern, sorgsam aufgetürmten Obst und Gemüse und versuchen, dem Stoffwechsel menschlichen Lebens sicherzustellen und ihm dabei ein Quäntchen abzugewinnen, das für sie und ihre Lieben für das kleine Glück reicht.

Mehrfach erinnere ich mich an die Schusterwerkstatt meines Vaters in Quettingen, die dicken  Schichten getrockneten Leims  auf dem Arbeitstisch, den abgegriffenen Werkzeugen, dem Klebstoff-, Staub- und Ledergeruchs, dem Chaos, hinter dem sich eine für mich nicht erfassbare höhere Ordnung verborgen haben muss, da das Ganze 30 Jahre funktionierte und ihn und uns ernährte.

Wir orten eine Art „Lommerzheim“ mit Hilfe von Google, eine Rarität in der Stadt der Garküchen, in der man in wenigen Minuten im Stehen das Essen auf dem Bürgersteig runterschlingt. Hier können wir endlich einmal sitzen. Freundliche Kellner umsorgen die Gäste in der Geschwindigkeit Kölner Brauhäuser, nur freundlicher. Wir schlagen uns den Bauch mit Biryani, gut aufgegangenem Garlic-Naan und weiteren Köstlichkeiten voll. Bier und Wein gibt es nie, in dem Land, das wie Schweden, den Alkohol in vergitterte Shops verbannt hat und nur auf Dachterrassen-Restaurants in touristischen Regionen eine Ausnahme gestattet. Ein Taxi bringt uns  in unser „“ruhiges“ „Lake Garden“. Wir „crusen“ noch einige Tage durch diese besondere Stadt, lernen mit der S-Bahn auch moderne Viertel in der Peripherie kennen und dann sind die 7 Tage plötzlich um und wir müssen weiter. Auf uns wartet  Chennai.

Ich bedauere sehr, dass wir uns nicht mehr Zeit für unsere prominente Gastgeberin genommen haben. Als Organisatorin bedeutender Filmfestivals, befreundet mit bekannten Schauspielern und bedeutenden Regisseuren, vielfach mit ersten Preisen ausgezeichnet, hätte sie uns direkten Zugang zum modernen kulturellen Indien erschließen können. 

Vielleicht war alles auch zu viel in 7 Tagen, um zurückzutreten, durchzuatmen und  das Wesentliche in den Vordergrund zu rücken.