Ein Beitrag von Rolf
Manchmal entdeckt man auf Reisen Orte, an denen Natur und Geschichte auf ganz besondere Weise zusammenkommen. In Jablanica, in Bosnien und Herzegowina, ist das definitiv der Fall. Hier, mitten in einer beeindruckenden Berglandschaft, liegt eine alte Eisenbahnbrücke, deren ungewöhnliche Konstruktion sofort ins Auge fällt.
Unter ihr fließt die Neretva. Das Wasser leuchtet türkisgrün, die Hänge sind dicht bewaldet, und am Horizont ragen die schroffen Gipfel der umliegenden Berge in den blauen Himmel. Eine traumhafte Kulisse – und zugleich ein Ort, der eine bewegte Vergangenheit hat.

Eine Eisenbahnbrücke mit einem ungewöhnlichen Knick
Schon von Weitem ist die alte Stahlkonstruktion zu erkennen. Das Brückengerüst überspannt den Fluss, bevor sich die Gleise auf der anderen Seite steil nach oben ziehen. Ein Anblick, der zunächst etwas rätselhaft wirkt.
Die Geschichte dieser Eisenbahnverbindung reicht allerdings noch weiter zurück als bis zum Ersten Weltkrieg: Die ursprüngliche Brücke wurde bereits 1888 während der österreichisch-ungarischen Herrschaft errichtet. Sie gehörte zur schmalspurigen Narentabahn, die das Landesinnere mit der Adriaküste verband.
Über Jahrzehnte war die Bahn eine wichtige Verkehrsverbindung durch die bergige Landschaft. Heute erinnert die ungewöhnliche Stahlkonstruktion an diese Zeit und an die Ingenieurskunst, mit der die schwierige Topografie überwunden wurde.
Ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde
Besonders bekannt wurde Jablanica allerdings durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs.
Im März 1943, während der Schlacht an der Neretva, ließen die jugoslawischen Partisanen die Eisenbahnbrücke sprengen. Die Zerstörung war Teil eines taktischen Täuschungsmanövers. Anschließend wurde in kurzer Zeit eine provisorische Holzbrücke errichtet, über die Verwundete, Flüchtlinge und Partisaneneinheiten den Fluss überqueren konnten.
Die Geschichte dieser Brücke ist deshalb weit mehr als eine Geschichte über Eisenbahn und Stahl. Sie erzählt von Krieg, Flucht, Improvisation und dem Versuch, Menschen in einer ausweglos erscheinenden Situation zu retten.
Die Brücke wurde später wieder aufgebaut und 1968 während der Dreharbeiten zum Film Die Schlacht an der Neretvaerneut gesprengt. Die heute sichtbare Konstruktion ist damit auch mit der filmischen Darstellung dieser dramatischen Ereignisse verbunden.
Direkt neben den Überresten befindet sich die Gedenkstätte mit dem Museum zur Schlacht an der Neretva.

Türkisgrünes Wasser und steile Berghänge
Doch bei unserem Besuch beeindruckt uns nicht nur die Geschichte. Auch die Landschaft ist außergewöhnlich schön.
Die Neretva schimmert in kräftigen Türkistönen. Üppiges Grün bedeckt die Hänge, kleine Häuser verstecken sich zwischen den Bäumen, und über allem spannt sich ein weiter blauer Himmel. Von einem erhöhten Standpunkt aus lässt sich die gesamte Szenerie überblicken: die alte Brücke, der Fluss und die steilen bewachsenen Ufer.
Es ist ein faszinierender Kontrast. Auf der einen Seite die friedliche, fast mediterran anmutende Landschaft, auf der anderen Seite die Spuren einer dramatischen Vergangenheit.
Eine Entdeckung, die nachdenklich macht
Jablanica ist ein Ort, an dem man ruhig etwas länger verweilen sollte. Die ungewöhnliche Eisenbahnkonstruktion ist schon für sich genommen sehenswert. Doch wenn man sich mit ihrer Geschichte beschäftigt, betrachtet man sie anschließend mit anderen Augen.
Was zunächst wie ein spektakuläres Relikt aus der Eisenbahnzeit wirkt, wird zum Zeugnis einer der dramatischsten Episoden des Zweiten Weltkriegs in dieser Region.
Wieder einmal zeigt sich auf unserer Reise durch den Balkan, wie eng landschaftliche Schönheit und bewegte Geschichte miteinander verbunden sein können. Und manchmal sind es gerade solche Orte, die uns noch lange nach dem Besuch im Gedächtnis bleiben.
